Daniel Kunert - Dienstleistungen
Der "Notenkeller" in Celle


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Music at San Marco

Interpreten: ensemble Officium
Label: Christophorus


Wilfried Rombach, Kantor an der kath. Universitäts- und Stadtpfarrkirche St. Johannes in Tübingen, geht mit seinem Ensemble Officium seinem Steckenpferd nach, der Musik der zweiten Hälfte des Reformationsjahrhunderts. Die ist evangelisch wie katholisch mehr oder weniger noch diktiert von der franko-flämischen Polyphonie, Orlando di Lassos Werke waren überall vertreten - und die seines Freundes Andrea Gabrieli (1532/33  - 1585), dem späteren Lehrer von u.a. seinem Neffen Giovanni, dem Augsburger Organisten Gregor Aichinger, des Dresdener Hofkapellmeisters Rogier Michael und des Nürnberger Hans Leo Haßler.  

Den Organisten ist der Markusorganist wohl vertraut durch mehrere Gesamtausgaben, sein umfängliches Vokal-, bzw. Instrumentalwerk von Messen, Motetten und Madrigalen gilt es aber ebenso zu beachten. In Gabrielis erster Publikation, den Sacrae Cantiones (Venedig 1565), einer Sammlung von 37 fünfstimmigen geistlichen Gesängen, gewidmet Albrecht V. von Bayern, Lassos Arbeitgeber, seit Kurzem im Neudruck wieder greifbar (Neuausgabe Verlag C. Hofius, Ammerbuch 2013, ISMN 979-0-50248-001-1), widmet sich Gabrieli dieser Kunst der Polyphonie.

Rombach bringt 14 Motetten aus dieser Sammlung, wechselnd besetzt mit einem chorischen Ensemble und Bläsern und natürlich einem Positiv (leider keiner italienischen Orgel), dazu die zehnstimmige Motette Laudate Dominum in sanctis eius, 1587 veröffentlicht von seinem Neffen Giovanni. Der Aufnahme mangelt es an nichts, Klangfreude wie Deutlichkeit und Präsenz sind vorzüglich, nur die Akustik des Aufnahmeraumes, der Ev. Kirche Peter und Paul Mössingen, hätte man gerne eingetauscht gegen eine größere, wie sie in San Marco gegeben ist. Das sich bescheiden gebende Booklet bringt einen kundigen Aufsatz von Rombach, verschweigt aber Daten zu den Ausführenden.

Empfehlenswert? Sehr empfehlenswert!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Mai 2016 / Januar 2017

Diese CD ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich) - erhältlich.
Protestantischer Kirchenbau der Frühen Neuzeit in Europa

Autor: Jan Harasomowicz
ISBN: 978-3-7954-2942-3
Verlag: Schnell + Steiner


Grundlagen und Forschungskonzepte

26 deutsch- und englischsprachige Beiträge eines Workshops, das Ende 2013 in Wien stattfand, bündelt dieser hervorragend gestaltete Band. Mit treffenden Zeichnungen und Abbildungen reich versehen beschäftigen sich die Autoren mit der Entwicklung des protestantischen Kirchenbaus in Dänemark, Finnland, in den Niederlanden, England, Nassau, Hessen, Kursachsen, Estland, Schlesien, Böhmen, Slowakien und Osteuropa.

Zur Thematik gehören Aussagen Luthers und anderer Reformatoren, evangelische Sakralität, die spezifische Gestalt von Jesuitenkirchen und Hugenotten-Kirchen, von Simultaneen, die Bauten unter verschiedenen politischen und sozialpolitischen Gegebenheiten wie Schlosskapellen und Gemeindekirchen als Breitsaalkirchen, Wandpfeilerkirchen, Querkirchen etc. Übersichtlich sind diese Aspekte zusammengetragen für ein Forschungsprojekt zur Online-Database, in dem dann jeder nachblättern kann. Es soll so die eigene Kulturidentität des reformatorischen Kirchenbaus systematisch nachgewiesen werden, was auf der einen Seite natürlich längst gesichertes Wissen, aber in seiner Vielfältig- und Reichhaltigkeit bisher kaum einsichtig und nachschlagbar ist.

Herausgeber ist der Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte der Renaissance und Reformation an der Universität Breslau, Prof. Dr. Jan Harasimowicz, der mit seinem umfangreichen Netzwerk die Autoren für diese Aufgabe zusammenbrachte.

Was kunstwissenschaftlich für die Principalstücke wie Altar, Taufe und Kanzel dabei unbedingt überzeugt, lässt aber das weite Feld der gottesdienstlichen Musikpraxis leider fast ganz offen. Nur nebenbei finden sich die unterschiedlichen Standorte von Orgeln, Emporen oder anderen Gegebenheiten für Musikerensembles aufgeführt. Aber das Forschungsvorhaben ist ja auch noch nicht beendet!

Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Mai 2016 / Januar 2017

Dieses Buch ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich) - erhältlich.


Max Reger - Werk Statt Leben

Autor: Susanne Popp
ISBN: 978-3-7651-0450-3
Verlag: Breitkopf & Härtel


Zum 100.Todestag erschien nun eine neue Biographie von Max Reger, von der man schlichtweg sagen muss, sie wird nicht nur allen Anforderungen an eine Lebensbeschreibung gerecht, sondern sie übertrifft in ihrer sprachlichen Gestaltung, ihrer spürbaren Sympathie mit dem seinem Werk manisch ergebenen Komponisten, der als Mensch bis heute nur wenig Sympathien auf sich zu ziehen vermochte, und der konsequenten Darstellung aller Querbezüge zwischen Werkentstehungen, Niederschriften, Ausarbeitungen, Verhandlungen mit den Verlegern und Werbemaßnahmen wie Briefwechseln und Konzertreisen alles bisher Dagewesene!

Mit großer Genauigkeit und Zielstrebigkeit widmet sich Susanne Popp, die ehemalige Leiterin des Reger-Institutes in Karlsruhe, der genauen chronologischen Darstellung und kurzen, aber sehr treffenden Werkbeschreibungen wie auch den so ganz persönlichen Briefwechseln mit seinen wenig gebliebenen Freunden. Ihr gelingen fundamental einleuchtende Sätze, die Regers Streben vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund deutlich machen und die den ursächlichen Zusammenhang seines „Arbeitsteufels“ aus der eigenen Familientradition, der ungünstigen gesellschaftlichen Situation, der eigenen z.T. fehlgeleiteten Kompensation und seinem vulkanischen Drang zur Komposition zu beschreiben und zu erklären suchen.

Herausgekommen ist ein großformatiger Wälzer von 455 Seiten, hinzu kommen noch Anmerkungen, Werkregister und diverse Verzeichnisse, und das zu einem Preis, für den man dem Verlag nur dankbar sein kann. Susanne Popp versteht es, den hoch geachteten Meister von Kompositionen für Orgel, Kammer-, Orchester- und oratorischer Musik dem Leser in all seiner Zwiespältigkeit  zwischen einsamer Genialität, bajuwarischer Gemeinheit eines Emporkömmlings und auch gegenüber sich selbst rücksichtslosen Kämpfers um sein eigenes Werk nahe zu bringen. Unverständlich wird so, dass sein epochales Werk so bald nur als epochal angesehen wurde. Selbst heute machen sich nur wenige Organisten und noch weniger Pianisten, Kammermusiker, Chor- und Orchesterleiter die Mühe, Regers Werk ein gerechtes wie berechtigtes Interesse entgegen zu bringen. Wer z.B. nur einmal seine Motette op. 110,3 „O Tod, wie bitter bist du“ erlebt hat, den wird das choralartige „O Tod, wie wohl tust du“ nicht mehr loslassen, ein Moment, den Reger wohl auch selbst so erlebt hat.

Fazit: ein Buch, das jeder Regerverehrer wie -verächter unbedingt durcharbeiten soll!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de -Juli 2016 / Januar 2017

Dieses Buch ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich) - erhältlich.

800 Jahre Dresdner Kreuzchor

Lieder aus 8 Jahrhunderten
Label: Berlin Classics


O Crux, Spendidor cunctis astris (leuchtender als alle Sterne), salva praesentem catervam (bewahre die hier anwesende Schar), ja, bis heute ist die im 14. Jahrhundert gestiftete musikalische Verbindung der Crucianer zum Erlöser hörbar wirksam, wie es im Antiphon gleich zu Beginn besungen wird. Bei gregorianischen Gesängen blieb es nicht, es folgen auf dieser CD in Aufnahmen von 1964, 1983, 1984, 2002, 2003, 2009, 2010, 2015 unter Mauersberger, Flämig, Kopp und Kreile ein Messesatz, eine Sequenz, Choral- und Spruchmotetten und Geistliche sowie Volkslieder. Da ist der Untertitel „Lieder“ (aus 8 Jahrhunderten) ein wenig irreführend vereinfachend geraten.

Präsentiert sind Werke von natürlich Johann Walter und Heinrich Schütz, aber auch von Schein, Kuhnau, Rheinberger, Theodorakis, Buchenberg, Senfl, Wipo von Burgund (hier von Solothurn genannt), Dunstable, Eccard, Anerio, Mendelssohn, Brahms, Mozart und  Mauersberger. Und eigentlich vermisst man dann doch Werke der Kreuzkantoren Homilius, Christian Ehregott Weinlig und Friedrich Oskar Wermann, die bei einer Spielzeit von knappen 56 Minuten doch noch Platz hätten finden können.

Immer hört sich der Chor frisch an und immer anders, was natürlich bedingt ist durch die jährliche Fluktuation. Wünschen würde man dem Chor auch das G9, um den Bass noch tragfähiger hören zu können, und von Herzen eine beständige „weltliche Hoheit“!

Und wünschen wird man dem Chor noch viele Jahrzehnte und Jahrhunderte nimmermüde Kreuzkantoren, Mühe, Arbeit und viele Erfolge und vor allem den immerwährenden Beistand des leuchtenden Salvators!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - April 2016 / Januar 2017

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Das Geheimnis der Wartburg

Autorin/Komponistin: Henrike Thies-Gebauer
Verlag: Zebe

Ein Luther-Musical für einstimmigen Chor, 12 Solisten, Streicher, Piano, Drums und Bass

Die Geschichte ist gut ausgedacht: Vier Kinder auf der Wartburg kommen im Jahr 1521 dem Geheimnis des Junker Jörg alias Martin Luther auf die Spur. Dabei wird der zentrale theologische Gedanke der Reformation wie nebenbei kindgerecht und nachvollziehbar vermittelt. Die gesprochenen Theatertexte sind sehr gut entwickelt; jeder Satz sitzt und treibt die Geschichte voran.

Die Lieder des Stückes sind alle im 4/4 Takt, in leichtem Pop-Stil geschrieben, eingängig in den Melodien und im Tonbereich c‘ bis c‘‘, d.h. die Kopfstimme der Kinder wird nicht eingesetzt. Manche Gruppenleiter wird dies freuen, für andere wird es ein Grund sein, das Musical nicht auszuwählen. Zwei Luther-Lieder sind im Stück untergebracht. Manche der insgesamt 9 Lieder brauchen schon beim Einüben die harmonisch-rhythmische Begleitung als Stütze. Der Verlag bietet eine Demo-CD und eine Playback-CD an; auch dies für die Einen eine gern angenommene Unterstützung und für Andere undenkbar. Die Streicher sollten intonationssicher sein und der Drummer zuverlässig im Tempo-Halten, ansonsten aber sind die Instrumentalstimmen nicht sehr schwer, am ehesten rhythmisch herausfordernd.

Die Lieder sind relativ schnell gelernt; Arbeit machen vor allem die Theaterszenen. Es muss organisatorisch getrennte Probenzeiten für die Schauspielenden geben, damit man nicht den Kinderchor ewig warten lässt. Einige wenige Theaterrollen gibt es, die kein Singenkönnen verlangen; es kann ja entlastend sein, wenn „Brummer“ an anderer Stelle eine wichtige Aufgabe erfüllen.

Ein Musical im eigentlichen Sinn ist dieses etwa einstündige Stück nicht, eher ein Musiktheaterstück, denn zum Musical würde auch Tanz gehören bzw. es müssten die Lieder mit Bewegung gut ausgestaltet sein. Evtl. könnte dies ja durch einen guten Regisseur bewerkstelligt werden. Ob mit oder ohne Bewegungsgestaltung - jemand mit Erfahrung sollte Regie führen. Allenfalls muss man bei Kleinigkeiten von den Regieanweisungen der Partitur abweichen (z. B. ist fraglich, ob Junker Jörg auf der Bühne „versehentlich“ ohne Schadensrisiko einen Pfeil abschießen kann), das tut aber dem Ganzen keinen Abbruch.

Lichttechnik ist vonnöten, um die Übergänge zwischen einzelnen Szenen zu verdeutlichen. Und Mikrophontechnik muss den Solisten helfen, sich gegenüber den Instrumenten zu behaupten.
Drei Bühnenbilder sind vorgesehen; sie wären zur Not entbehrlich und das Stück würde auch ohne sie funktionieren.

Zur äußeren Aufmachung: Gut, dass es die Partitur mit Ringbindung gibt; schlecht, wenn die Ringe zu eng sind. Der Notendruck ist für den Überblick beim Partiturlesen zu groß und es muss zu oft geblättert werden. Abgesehen davon aber ist er sauber und fehlerfrei.

Fazit: Wer einen nicht zu kleinen Chor hat, über die nötige Technik, die nötigen Instrumentalisten und einen guten Regisseur verfügt und wer bezüglich der Probenzeit einen langen Atem hat, dem sei das Stück empfohlen. Denn die inhaltliche Aufbereitung des zentralen Gedankens der Reformation ist hier hervorragend gelungen.


Elke Landenberger
für www.notenkeller.de - Dezember 2016

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Bach in Brazil


Original Motion Picture Soundtrack
Label: Berlin Classics

Die vielen Vorschusslorbeeren, die der gleichnamige Film bereits erhalten hat (Publikumspreis Filmfest Emden 2015, Bernhard-Wicki-Publikums-Preis, NDR Filmpreis für den Nachwuchs, "Schreibtisch am Meer"-Preis etc.), sind die eine Seite, die CD mit dem Soundtrack des Films die andere. Was im Film getragen von der positiven sozialen Handlung zu einem emotional guten Ergebnis führt, kann die CD zwar in Erinnerung rufen, alleine aber ohne die Filmhandlung will sich das gehabte Glücksgefühl nicht einstellen – welches Schicksal sich dieser Soundtrack mit fast allen anderen Soundtracks teilt.

Gar keine Frage, die Musik ist gut gemacht, da wird mit Klarinette, Violine, Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Euphonium, Cavaquinho gekonnt musiziert, auch der Knabenchor Hannover, das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder und das Barockorchester L’Arco sind zu hören, von Bach sind etliche passend zerlegte Melodiefetzen hervorragend verarbeitet, alles das ist nur positiv zu vermerken. Trotzdem springt von der CD kein Funke über, es ist ja nur ein Soundtrack – leider, bei dem deutlich zu hören ist, dass die Musik nur Mittel zum Zweck ist und keinen unmittelbaren Anspruch erhebt, originär oder gar mit einem innermusikalischen roten Faden versehen sein zu wollen.
Wie bereits geschrieben, gut zum Nachhören, wenig gut zum Zuhören!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - März 2016 / September 2016

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Ich gieng einmal spatieren

Interpret: Jan Katzschke
Label: Querstand

Ein Wanderer zwischen den Welten war Hans Leo Hassler, zwischen der evangelischen Welt seiner Geburtsstadt Nürnberg (Leonhard Lechner und Friedrich Lindner) und der katholischen Welt seiner Studienzeit in Venedig (Andrea und Giovanni Gabrieli, Gioseffo Zarlino, Claudio Merulo u.a.), zwischen den Fuggern in Augsburg (Organist) und Nürnberg (Oberster Musicus) und Dresden (Kammerorganist), zwischen einem Leben als Organist (Teilnehmer an der Orgelprobe in Gröningen 1596), Komponist (evangelischer Choral, franko-flämischer polyphoner Stil, italienisch homophone Madrigale und mehrchörige Werke, Motetten, Messen und vieles mehr), Musikautomatenbauer und von Ulm aus Geschäftsmann im Silber- und Kupferbergwerkhandel und Geldverleiher u.a. für den Kaiser, der ihn dafür 1595 in den Adelsstand erhob. Gewandert sind auch die Texte seiner Melodien, aus Mein Gemüth ist mir verwirret wurde Herzlich tut mich verlangen, aus dem geistlich Lied, von Adam und Eva Ich gieng einmal spatieren im Ton: Ich weiß ein stolze Müllerin (Ju He!) wurde Von Gott will ich nicht lassen. Eine unsterbliche Melodie, über 450 Jahre alt, ein Lied über Adam, Eva und den Sündenfall, über die Menschwerdung Christi und die wiedergewonnene Freude an der Natur. Den Text (nach Ernst Moritz Arndt) findet man dankenswerterweise im Booklet.

Mit den31 Variationen zu dieser Melodie schuf Hassler zu seiner Zeit, lange vor Sweelincks und Scheidts Lehrtätigkeit und Steigleders 40 Variationen über Luthers Vaterunser-Lied, ein unvergleichliches Standardwerk clavieristischer  Kunstfertigkeit. Für diese seine bedeutendste Instrumentalkomposition benötigt Katzschke mehr als 35 Minuten, monumentale 35 Minuten unaufhörlicher Inventio, Dispositio, Elaboratio, Decoratio, Elocutio und Executio, fesselnd von Minute zu Minute überlegter Choralsatz und figurierter Satz, nachdenklich bis virtuos wechselnd, mal gering-, mal vollstimmig, mal auch in scheinbarer Mehrchörigkeit in einem einzigartig planvoll durchdachten dramaturgisch geschlossenen Spannungsbogen von vielschichtiger kompositorischer und emotionaler Tiefgründigkeit. Vielleicht waren diese Variationen das Modell zu Bachs Goldberg-Variationen, ebenso ein Kompendium der Stilmittel und gleichfalls in 31 Sätzen?

Dem immensen Anspruch der spieltechnischen Anforderungen dieses Gipfelwerkes der Spätrenaissance genügt der Dresdener Organist Jan Katzschke mit dem ihm eigenen Feuereifer wie überlegener Gestaltung, der Hörer könnte schier atemlos werden! Drei weitere Kompositionen Haßlers, die dessen italienische Einflüsse und seine Vielseitigkeit widerspiegeln, geben einen Einblick in seine Formenkunst. Auf einem Regal (Kopie eines Nürnberger Instrumentes von 1600) erklingen eine Canzon und ein chromatisches Ricercar, auf einer Zuberbier-Orgel von 1754 (rest. 2011) das Magnificat 4. Toni in der Alternatimpraxis  der Vesper um 1600, hierbei ergänzt Katzschke die ungeraden Verse als Sänger. Nur empfehlenswert? Nein, fesselnd und begeisternd!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - März 2016 / September 2016

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Te Deum laudamus

Interpret: chordae freybergensis, Ensemble Freiberger Dom-Music, Leitung: Albrecht Koch
Label: cpo

Der CD liegen Handschriften und Drucke aus der Bibliothek der Freiberger Lateinschule um 1600 zugrunde. Die Schule war seit 1515 das erste humanistische Gymnasium des Landes, in dem der Musikunterricht zur Durchführung der Musik im Dom seinen täglichen Platz hatte. Um Pilipp de Montes Missa super mon coeur se recomande und das Te Deum von Rogier Michael gruppiert Hauskantor Albrecht Koch weitere liturgische Motetten von Albinus Fabricius, Leonhard Lechner und Alfonso Ferrabosco d.Ä.

Der damaligen Praxis entsprechend liegen manche Stück wie die Messe auch im Druck vor, für die gottesdienstliche Praxis der Zeit und wohl auch aus Ersparnisgründen wurden die Kompositionen aber eher abgeschrieben. So liegt die Missa von Pilipp de Monte, über den der Booklettext von Christa Maria Richter leider nichts Weiteres vermeldet (1521 - 1603, nach Stationen in Neapel und Cambrai Hofkapellmeister am Habsburger Hof seit Sommer 1568), in Freiberg in  handgeschriebenen großen Chorbüchern vor, das Booklet erwähnt diese fälschlich im Singular. Entsprechend dem bekannten Kupferstich der Dresdener Schlosskapelle von David Conrad (1604–1681), das Heinrich Schütz mit seinen Sängern zeigt, hatten die Pulte im Altarraum mehrere Auflageflächen, auf denen die Chorbücher lagen. In  ihnen waren entweder die Oberstimmen oder die Unterstimmen jeweils links und rechts nebeneinander notiert.

Bemerkenswert ist ferner Rogier Michaels Te Deum, in dem er Luthers deutschen und den lateinischen Ursprungstext versweise nacheinander vertont hat, so vereinbarte er Tradition und Ansprüche der Gegenwart in kluger Weise miteinander. Im Gegensatz zu der liturgischen Stellung des Te Deums im evangelischen Gottesdienst der Zeit (entweder vor oder nach dem Frühgottesdienst), setzt Koch es zwischen Gloria und Credo quasi als Predigt, ein schöner Einfall! Durch die Verwendung von Zink und Posaunen, wie sie in der 1585 bis 1594 errichteten Grabkapelle des Freiberger Doms – hier halten 21 Engel in 12 m Höhe originale Renaissance-Instrumente, gebaut um 1592/94 in Randeck bei Mulda (Region Freiberg) in Händen – zu sehen sind, ist auch der Bassbereich der Musica coelestis klangvoll vertreten. Das Vokalensemble Freiberger Dommusik singt ausgesprochen schön, leider auch mit sächsischer Vernachlässigung der harten Konsonanten.

Die CD ist eine Bereicherung für alle, die reformatorische Gottesdienstmusik studieren möchten. Als lateinische Musik war sie konfessionsübergreifend, von katholischen und evangelischen Komponisten in katholischen wie evangelischen Gottesdiensten üblich. Ebenmäßige Polyphonie in der Tradition der alten Niederländer dominierte, lieferte aber durch die Kunst der Instrumentierung mit dem damaligen Instrumentarium absolute Hochformen, die damals wie heute den Hörer ergreift.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Februar 2016 / August 2016

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Im Himmel und auf Erden

Interpret: chordae freybergensis, Leitung: Susanne Scholz
Label: Querstand

Als Herzog Heinrich der Fromme aus der albertinischen Linie des Hauses Wettin, der 1537 die Reformation in Freiberg eingeführt hatte, 1539 Landesfürst, also Markgraf von Meißen und Herzog von Sachsen, wurde, bekam auch die bisherige Nebenresidenz Schloss Freudenstein in Freiberg, in der er residiert hatte, Bedeutung für ganz Sachsen. Für ihn wurde 1541 die Grablege im 1501 geweihten Dom der Stadt eingerichtet, seine Söhne Moritz, seit 1547 Kurfürst und 1548 Gründer der sächsischen Hofkapelle, und August folgten ihm 1553, bzw. 1586 dorthin, bis 1717 blieb sie die Grablege des protestantischen sächsischen Fürstenhauses. Unter August I. wurde 1585 die Umgestaltung des Chores in Angriff genommen und dieser bis 1594 von dem aus Lugano stammenden Giovanni Maria Nosseni prachtvoll ausgestaltet. 34 Engel in 12 m Höhe spielen himmlische Musik, 21 halten originale Renaissance-Instrumente, gebaut um 1592/94 in Randeck bei Mulda (Region Freiberg), in Händen. 2002 wurden die Instrumente restauriert und Kopien angefertigt, aus denen nun seit 2005 Susanne Scholz und ihr Streicherensemble chordae freybergensis typische Klänge des 16. Jahrhunderts zaubern können.

Der Dresdener Hofkapellmeister Antonio Scandello (1517 – 1580), Nachfolger von Johann Walter (1548–1554) und Mattheus Le Maistre (1555–1568) - bekannt durch seine Messe zum Tod des Kurfürsten Moritz (1553), seine deutsche Johannespassion (c 1561) und die Auferstehungshistorie Österliche Freude der siegreichen und triumpfierenden Auferstehung (c1562) - ließ 1568 Newe Teutsche Liedlein in Nürnberg drucken und vier Jahre später das El primo libro de le Canzoni Napolitane a IIII Voci. Aus der ersten Sammlung  sind 8 Lieder mit Clarissa Thiem, Sopran, zu hören, aufgenommen im Dom, aus der zweiten 9 weltliche Canzonen mit Giovanni Cantarini, Tenor, aufgenommen in der kleineren Akustik der Kirche von Kleinwaltersdorf, um dem verschiedenen Gebrauch dieser Literatur auch im akustischen Bereich gerecht zu werden. Da in der Grabkapelle keine großen Bassinstrumente überliefert sind, erklingt das Ensemble (sowieso im Chorton gebaut) praxisgerecht z.T. in Quart- oder Quinttransposition nach oben, eben eine „musica coelestis“, wie sie ja auch die F-Orgeln der Zeit erklingen ließen. Leider pflegt Clarissa Thiem keine verständliche Aussprache und die Übersetzungen der italienischen Texte der Canzonen fehlen im ansonsten gut informierenden Booklet.

Die Streicher chordae freybergensis spielen untadelig, ja aufregend, gerne würde man ihnen noch länger zuhören.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Februar 2016 / August 2016

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Schütz - Praetorius ----- Reformationsmesse

Interpret: Musica Fiata, La Capella Ducale, Leitung: Roland Wilson
Label: deutsche harmonia mundi

Die erste Saecularfeier der Reformation wurde in Dresden unter Kurfürst Johann Georg von Sachsen festlich begangen. Drei Tage lang wurde je eine Messe und eine Vesper in der Schlosskapelle gefeiert, deren Musik Oberhofprediger Hoe von Hoenegg im Vorwort zum Druck seiner drei Predigten 1618 nannte: Psalmvertonungen aus den Psalmen Davids von Heinrich Schütz, Verleih uns Frieden aus der Geistlichen Chormusik, dazu zwei Choralbearbeitungen von Schütz, die fragmentarisch überliefert sind: Ein feste Burg und Jesaia dem Propheten das geschah.

Roland Wilson hat sich und den Hörern das Vergnügen beschert, die Fragmente zu vier-, bzw. fünfchörigen Fassungen zu ergänzen und dabei für die mittleren Strophen die Sätze aus dem Becker-Psalter zu verwenden. Dazu kommen die Missa gantz Teudsch aus Polyhymnia Caduceatrix und Das Silber, durchs Feuer sieben mal/ aus dem deutschen Gesang Ach Gott vom Himmel sieh darein von Michael Praetorius. Mit seinen beiden Ensembles entfacht Wilson ein herrliches starkes Gethön, wie es natürlich nicht nur zur Andacht diente, sondern ebenso auch die Pracht des Kurfürsten zur Schau stellte.

So erfreulich es ist, dass diese Musik mit Selbstverständlichkeit die hergebrachte Gottesdienstordnung nutzt und in Erinnerung ruft, mit welcher Lust und Liebe Gottesdienst zu feiern geht, so dringlich ist auch die Mahnung an unsere Zeit, die vor Jahrhunderten schon einmal gekonnten Künste auch zur anstehenden Saekularfeier erneut zu nutzen!

Wer noch keine Lust auf den 30.10.2017 hat, der wird sie mit Sicherheit beim Anhören dieser CD bekommen und sie dann gleich an Reformationsmuffel weiter verschenken!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Februar 2016 / August 2016

Diese CD ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem in unserem Notenkeller in Celle (Telefon 05141-3081600 / Mail: info@notenkeller.de) - erhältlich.



Musicalische Seelenlust

Interpret: Ensemble Polyharmonique, Alexander Schneider
Label: edition raumklang


Tobias Michael (1592–1657), Sohn des Franko-Flamen Rogier Michael – dieser war Schüler von Andrea Gabrieli gewesen, dann Tenorist in der Ansbacher Hofkapelle von Georg Friedrich I., Musiker in der Dresdner Hofkapelle und später deren Hofkapellmeister, Komponist der ersten Weihnachtshistorie (seine Nachfolger waren Michael Praetorius und Heinrich Schütz) - brachte also alle Voraussetzungen mit, um das zu werden, was er geworden ist: Chorknabe in Dresden, Schüler in Pforta und Theologie- und Philosophiestudent in Leipzig und Wittenberg, dann Kapellmeister der Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen an der Trinitatiskirche in Sondershausen und Stadtschreiber, schließlich 1630 mitten im Dreißigjährigen Krieg Nachfolger von Johann Hermann Schein, der auch schon Schüler seines Vaters gewesen war, im Leipziger Thomaskantorenamt. Heinrich Schütz adelte seine Tätigkeit in der Widmung seiner "Geistlichen Chormusik“ 1648 mit den Worten, dass der Musicalische Chor zu Leipzig, in diesen Hochlöblichsten Churfürstenthum allezeit für andern einen großen Vorzug gehabt, und iedes mahl fast wohl bestallt gewesen ist.

An den Zeitläuften und einer chronischen Gichterkrankung wird es wohl gelegen haben, dass dieser verantwortungsbewusste leistungsstarke Kantor nur wenige Kompositionen hinterlassen hat: in zwei Bänden erschien seine Sammlung "Musicalische Seelenlust“. Der erste Band von 1634 enthält 30 geistliche Konzerte für fünf Stimmen und Basso continuo, der zweite von 1637 50 geistliche Konzerte in wechselnder Besetzung. Außerdem sind sechs- bis achtstimmige konzertierende Motetten zu Kasualien überliefert - und seine eigene Begräbnismusik.
Nur mit Mühe entsinnt sich die Gegenwart dieses profunden Komponisten wie auch seiner Nachfolger Sebastian Knüpfer, Johann Schelle und Johann Kuhnau. Umso verdienstvoller ist die vorliegende Aufnahme mit einer kleinen Auswahl dieser so direkt ansprechenden kunstvollen Motetten, nur vergleichbar mit Motetten von Schein und Schütz, ein Schatz an polyphoner Kunst in lebendigster Faktur. Ob „Trübsal“, „Schreien“, „Tröste“ oder schließlich „Ich liege und schlafe“, alles ist greifbar hörbar unmittelbar deutbar.

Das Ensemble Polyharmonique unter Alexander Schneider (fünf Sänger und Continuo mit Gambe, Theorbe und Orgel) zeichnet Michaels Kompositionen hoch kompetent nach. Homogen im Klang mit guter Textdeklamation gelingt eine Auslegung, die den Kompositionen entspricht und den Hörer zu bewegen versteht, Ausdruck  eines tiefen Glaubens in einer bewegten Zeit, eben Glaubens=Seuffzerlein, Andacht und Freude auf sonderbare madrigalische Art.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Januar 2016 / Juli 2016

Die Buchholz-Orgel in St. Nikolai Stralsund

Interpretin: Yuka Ishimaru
Label: organum classics

Yuka Ishimaru aus der Klasse Ludger Lohmanns in Stuttgart spannt ihren Programmbogen von Liszt‘ getreuer Bach-Übertragung des BWV 21 (1860) über Regers Orgel-Adaption von BWV 867 (1903), über Klassiker wie Mendelssohns 4. Sonate (1845), zwei Choralvorspielen aus op. 122 von Brahms (1897) und der 8. Sonate von Rheinberger (1882) hin zu Liszt‘ „Weinen, Klagen“ (1863). Yuka Ishimaru spielt die Werke ausgesprochen solide und unaufgeregt, was der Musik sehr zu statten kommt.

Die Buchholz-Orgel kommt ihr dabei entgegen, ihre romantischen Klangfarben stehen auch noch in älterer Tradition und bieten somit auch ein geeignetes Klangspektrum für Liszt‘ Bach-Übertragung und der Mendelssohn-Sonate.
Auch die Klanggewänder der Kompositionen von Brahms und Rheinberger nehmen gefangen, vollends natürlich Liszt‘ düster-drohend daher kommende Variationen zu Bachs Kantaten BWV 12 und 21.

Michael Kaufmann liefert im Booklet kompetent Texte zur Zeit der Kompositionen und zu den Kompositionen selbst. Fröhliche Urständ feiert der Starrummel mit dem zweifachen ganzseitigen Portrait der Solistin auf dem Titel und U4. Solider wäre da die Wiedergabe der Registrierungen gewesen.
Was der CD keinen Abbruch tut, auf der erstklassige Musik auf einer erstklassigen Orgel erstklassig eingespielt ist.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Oktober 2015 / Juni 2016


Felix Mendelssohn & Fanny Hensel
Lieder ohne Worte


Interpret: Matthias Kirschnereit
Label: Berlin Classics

Ein Universum für sich bilden sie, diese Lieder ohne Worte, in denen Endlichkeit und Unendlichkeit miteinander verschmelzen. Mendelssohn pflegte sie seit 1828 immer wieder, drückte darin zu bestimmte Gedanken für das aus, was mir eine Musik ausspricht, die ich liebe, … die einem die Seele erfüllt mit tausend bessern Dingen als mit Worten.
In der Tat, diese Kleinodien von hochgeistiger Konzentration wie einer elegant beiläufigen Tiefgängigkeit bezaubern auch noch heute in ganz ungewohntem Ausmaß, die zahlreichen Einspielungen, die auf dem Markt sind, sind dafür ein klingender Beweis.

Matthias Kirschnereit, Professor in Rostock, hat nun seine Version veröffentlicht und fügt dem achtbändigen Kanon von je sechs Liedern noch einen neunten Band hinzu, der weitere sechs Lieder aus dem Nachlass bringt, darunter auch das allererste Exemplar dieser Mendelssohn ureigenster Liedgattung, jenen Erstling, mit dem er seiner Schwester zum 23. Geburtstag am 14.11.1828 gratulierte. Was ist das Faszinosum, das diese Lieder beinhalten, dieser so selbstverständliche zentriert gefasste Duktus von vollendeter Liebesfülle, den so viele nicht aushielten und diffamierten?

Nicht genug damit, Kirschnereit vereint das Geschwisterpaar hier aufs Neue durch die Ersteinspielung der Klavierlieder Fannys, 13 Pretiosen anderer, eigener Faktur, die aber denselben Geist atmen, hörbare geschwisterliche Achtung und Liebe jeder auf seine Art. Als Schönste Musik …  auf Erden bezeichnete denn auch Felix die Musik seiner Schwester.

Kirschnereit hat die drei CDs in drei mehrtägigen Sitzungen 2013 und 2014 eingespielt, hat seine Achtung und Liebe diesen Kleinodien beigegeben in durchaus zeitgemäß nüchterner Klaviertechnik, die Mendelssohn und Hensel pur sprechen lässt ohne jede Überinterpretation und Hineingeheimnisserei. Seine Virtuosität überdeckt nie die Empfindsamkeit der vielfarbigen kleinen Klanggemälde. Da wird keine der 190 Minuten lang, Mendelssohns Bann wirkt ohne Unterbrechung! Wer könnte sich von seiner überströmenden Spiel-, Mal-, Sing- und Sageart nicht bannen lassen?

PS: Der Rezensent hat  Mendelssohns Lieder ohne Worte komplett für die Orgel übertragen (Verlag Dohr).


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - November 2015 / Juni 2016


Wiederaufnahme?

Autor: Matthias Pasdzierny
Verlag: edition text+kritik

Rückkehr aus dem Exil und das westdeutsche Musikleben nach 1945, so lautet der Untertitel dieses fast 1000 Seiten umfassenden Bandes, der in der Schriftenreihe Kontinuitäten und Brüche im Musikleben der Nachkriegszeit der UdK Berlin erschienen ist. Matthias Pasdzierny hat in mühevoller Kleinarbeit Daten und Fakten zusammengetragen, die die Musikszene in ihren einzelnen Prozessen wie in Hamburg (Hans Henny Jahn), Stuttgart, München, Darmstadt etc. beleuchten. Insbesondere hat er sich den Vorgängen in Bayreuth, Köln (Amadeus-Quartett, Alphons Silbermann), Saarbrücken (Stekel und Müller-Blattau)  und Frankfurt (Hindemith, Adorno) zugewendet, flächendeckende Recherchen für die ganze BRD und sogar noch für die DDR bleiben eine Zukunftsaufgabe.

Wie vielschichtig der meist weniger gelungene Wiedereingliederungsprozess - die Rückkehrerquote insgesamt war nicht sehr hoch - abgelaufen ist, abhängig von den persönlichen Charakteren, dem inneren oder äußeren Exilverlauf, die nicht unkomplizierte Kommunikation untereinander und mit den Trägern der Musikeinrichtungen, der Rundfunkanstalten usw., schildert der Autor mit neutraler Sympathie. Wie die gleichzeitigen Umbrüche in der Stilistik und des gesellschaftlichen Umfelds verliefen, gibt er an Hand einiger Teilnehmer der Darmstädter Kurs beispielhaft wieder. Eingebettet in die Vitae anderer Musiker geht es auch um die so unterschiedlichen Schicksale eines David, Raphael u.a., über die in kirchenmusikalischen Fachzeitschriften nun schon öfter referiert wurde.

Thematisch berührt wird, wie die Dagebliebenen, mehr oder weniger in das zwölfjährige Reich integriert, mit den neu/alten Zuzüglern aus dem Exil zusammenkommen konnten. Da geht es um Selbstfindung in einem sich neu definierendem Deutschland, um die Brüche oder reinen Gastrollen wie bei vielen Dirigenten, die ihren Wohnsitz dann doch lieber in der Schweiz o.a. suchten, um Tradition und Aufbruch. Einen umfangreichen Teil des Bandes nehmen dazu die Kurzbiographien ein, ein ganz reicher und wertvoller Abschnitt zum leichten Nachschlagen.

Die vorliegende Arbeit ist nicht nur ein umfangreicher Beitrag zur Remigrationsforschung, sondern beleuchtet auch die persönlichen Nöte, die neuerliche Existenzgründungen in einem Land bereiteten, dass Rückkehrer durchaus auch als Vaterlandsverräter bezeichnete. Willkommen waren sie als Feigenblätter, aber als Menschen, Nachbarn? Nachdenkenswert ist der Band auch gerade in unseren Tagen, in denen wir wieder mit der Thematik der Integration von Flüchtlingen gefesselt werden.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - November 2015 / April 2016


Bibliotheken bauen - Die Barther Bibliothek im Kontext

Herausgeber: Jochen Bepler / Ulrike Volkhardt
Verlag: Schnell + Steiner

Als Separatum aus dem Jahrbuch kirchliches Buch- und Bibliothekswesen (NF 2, 2014) erschien nun ein übersichtlicher Band, der sich mit der in Barth seit dem 14. Jh. überkommenen Kirchenbibliothek und seiner Sanierung beschäftigt. Erst vor knapp sechs Jahren, angeregt durch die emsige Essener Blockflöten-Professorin Ulrike Volkhardt, entstand der Förderverein der Kirchenbibliothek in Barth, dessen Vorsitzende sie auch ist. Im Zusammenhang mit der Entdeckung und Einspielung mittelalterlicher Musik aus den Heideklöstern (6 CDs bei cantate und dazugehörige Notenausgabe bei Olms) wurde sie auch auf die Kirchenbibliotheken in Vorpommern, in denen nach wie vor ungehobene Schätze warten, aufmerksam gemacht.

Im vorliegenden Band beschreiben Falk Eisemann im Absatz Die Wiederauferstehung der vorpommerschen Kirchenbibliotheken (Barth, Greifswald, Wolgast)den geschichtlichen Hintergrund, Jan Simonsen in Gedanken zum Kirchenbau und zur Kirchenbauerhaltung in der Nordkirche den kirchenaufsichtlichen Hintergrund, Gerd Albrecht in Die Kirchenbibliothek im Barther Kulturverbund die ortsgeschichtlichen Zusammenhänge, Christine Johannsen in Sanierung und Umgestaltung die baulichen Maßnahmen und schließlich Ulrike Volkhardt in Suche nach musikalischen Quellen den Bestand an Musikalien, Christian Heitzmann in Die mittelalterlichen Handschriften den Bestand an Manuscripten und Inkunabeln, Jochen Bepler in Aus Schaden klug die Konservierung der Bücher und ihre Neuordnung.

Ist mit der baulichen Sanierung in der Barther Marienkirche bereits ein grundlegender Schritt getan, die Arbeit des Sichtens und der Katalogisierung, des Konservierens und der Aufarbeitung für weitere Veröffentlichungen steht erst noch an. Der Band lässt den Leser teilhaben an der Entdeckung der bis 2010 sich im Dornröschenschlaf befindlichen Bibliothek, deren Geheimnisse nun aufgedeckt werden können dank der Entdeckung und des Einsatzes von Ulrike Volkhardt, kurz bevor die Bestände abgegeben werden sollten. Derartige Gefahren durch fehlende Wertung und unsachgemäßen Umgang drohen leider allen Beständen in nicht oder nur von wenigen Eingeweihten genutzten Bibliotheken in Kirchen und Kantoreien in Ost und auch West! So kann also unmittelbare Zeitgeschichte unheimlich spannend werden, und so sollte das Barther Beispiel beispielhaft werden!  

Rainer Goede
für www.notenkeller.de - November 2015 / April 2016


Thomas Müntzer - Revolutionär am Ende der Zeit

Autor: Hans-Jürgen Goertz
ISBN: 978-3-406-68163-9
Verlag C.H.Beck, München  2015

Von Stolberg am Harz führte ihn sein Weg über Braunschweig, Wittenberg, Orlamünde, Jüterborg, Zwickau, Prag, Erfurt, Nordhausen, Glaucha, schließlich Allstedt, Mühlhausen und Frankenhausen, wo sechstausend Bauern von den Truppen Philipps von Hessen mit Unterstützung Braunschweiger und sächsischer Truppen hingeschlachtet wurden, die Fürstenheere verloren dabei sechs Mann! Keine zwei Wochen später wurde Müntzer am 27. Mai 1525 vor den Toren Mühlhausens mit dem Schwert hingerichtet, wie damals üblich wurde sein Leichnam nicht bestattet, sondern aufgespießt und zur Schau gestellt, bis die Aasfresser alles getilgt hatten.

Jeder kennt heute Thomas Müntzer, um ihn zu verkennen, die Nachwelt hat ja genug Schlagwörter und verzerrte Bilder geliefert. Hans-Jürgen Goertz macht sich in diesem Buch an eine nüchterne Bestandsaufnahme von Fakten und misst an ihnen die Aussagen von Forschern und Kommentatoren, Theologen und kommunistischen Sagenschreibern. Goertz kommt so zu einer Beurteilung, die dem Theologen, der aus der Mysrtik eines JohannesTauler schöpfte, den Geist der Apokalypse atmete, Seelsorger und Reformator wurde, eher gerecht zu werden vermag. Zwar ist Müntzers Werdegang zum Revolutionär durchaus konsequent, begründet sich in einer tiefen Gläubigkeit und Bibelverständnis. „Es ist nicht der Klerus, der die Gläubigen führt, sondern der Heilige Geist“, da braucht es denn keine geistliche und weltliche Obrigkeit mehr und auch keinen theologischen Intellektualismus. „Der revolutionäre Umsturz war religiös geboten.“ Müntzer nannte das eine „fügliche Empörung“. Luther benennt da seine Zweireichelehre, unterstellt die Reformation dem Schutz der weltlichen Obrigkeit. Was müssen das für innere Kämpfe und Dispute gewesen sein, bis diese Positionen damals formulierbar waren!

Luther behielt Recht, nur mit der weltlichen Obrigkeit ließ sich die Wittenberger Reformation durchsetzen. Müntzer behielt Recht, als sich mit der Französischen Revolution Werte wie Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit durchsetzten. Ist die Wertschätzung Müntzers heute  passgenau?

Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Oktober 2015 / März 2016


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