Daniel Kunert - Musik-Medienhaus
Der "Notenkeller" in Celle


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Max Reger, Drei Motetten op. 110

Interpreten: SWR Vokalensemble Stuttgart, Frieder Bernius
EAN: 4009350832886
Label: Carus


Da legt man alle Dinge aus der Hand, um sich diesen Motetten ganz hingeben zu können!!!

Die drei geistlichen Gesänge, die Reger 1909ff schrieb, lassen die Vorbilder Bach und Brahms - siehe dessen Motetten op. 109 und 110 von 1889!! – zwar durchhören, doch sind sie gewiss alles andere als „Nach“-Bilder! Regers Arbeitswut schuf auch den Höhepunkt aller Ausdruckskunst hochromantischer Chorkunst, Vergleichbares lieferte vielleicht noch Arnold Schönberg mit seinem Chorwerk „Friede auf Erden“ op. 13 von 1907.

Die Friedhofsstimmung des Eingangssatzes „Mein Odem ist schwach“ reißt!!! bereits mit den ersten fünf Tönen, einem zur verminderten Quinte abwärts gerichteten Motiv, den Hörer mit, entführt ihn entlang den Hiob-Texten von direkter Todesahnung über die ganz unvergleichlich innige Bitte des Chorals „Sei du selbst mein Bürge vor dir, wer will mich sonst vertreten?“ zur Glaubensgewissheit der fünfstimmigen Schlussfuge „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebet“, Höllenfahrt und Auferstehung am Ostermorgen sind in dieser akustischen Plastik wohl völlig einsam geblieben, so mitgenommen wird man kaum die Kraft haben, diese Motette noch einmal zu hören!!!

Erst 1911 fand Reger zur zweiten Motette „Ach Herr, strafe mich nicht“, zusammengestellt aus dem Bußpsalm 6 u.a. Eindrücklich der einstimmige Chorsatz, den die Seufzer „Ach Herr“ immer wieder unterbrechen, unübertroffen eindrücklich der Choral „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden“, enorm aussagekräftig die Doppelfuge „Herzlich lieb hab ich dich“: Fritz Busch brachte sie 1913 in Aachen mit 200 Sängern zur Uraufführung: „Unleugbar steht man vor dem geistig hochwertigen Erzeugnis eines Meisters…, es finden sich Momente berückender Schönheit...“ (Neue Musikzeitung 1914/9)
Im Sommer 1912 folgte die dritte Motette „O Tod, wie bitter bist du“; dem Andenken von Lili Wach, der 1910 verstorbenen jüngsten Tochter Mendelssohn Bartholdys, gewidmet. Hochexpressive chromatische Seufzer, dissonante Reibungen, schließlich der Umschwung in leuchtende lichtvolle Erlösung im Schlusschoral „O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen“, es gibt nichts Ergreifenderes!!!

Den Motetten hinzugefügt ist noch die Choralkantate „O Haupt voll Blut und Wunden“, München 1906. Hier wie in den drei Motetten ist das SWR Vokalensemble ein kongenialer Partner des vor 100 Jahren verstorbenen Komponisten, Frieder Bernius ein Chorleiter, der es versteht, die Stimmungen der Kompositionen bis ins letzte Zweiglein auszuloten und umzusetzen. Heute oft so leichtfertig hintan gesetzt mit der Vokabel Hohe A-Cappella-Chorkultur sind für diese Motetten eigentlich keine Bezeichnungen zu finden, die ihren künstlerischen und emotionalen Wert richtig beschreiben könnten!!! Und nochmals !!!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Oktober 2016 / Juni 2017

Diese CD ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de) - erhältlich.


Der eine Gott und die Vielfalt der Klänge

Herausgeber: Michael Gassmann
ISBN: 978-3-7618-2330-9
Verlag: Bärenreiter


Der Band 18 der Schriftenreihe der Internationalen Bachakademie Stuttgart mit den acht Vorträgen des Symposions im Rahmen des Musikfestuttgart 2012 zur Sakralen Musik der drei monotheistischen Religionen gewinnt täglich mehr an Aktualität. So schnell und aktuell derzeit die Welt dieser drei Religionen zusammengeführt wird, so wenig wissen wir über die Musik der drei Religionen.

In diesem Band versucht Hans Maier in seinem Einführungsbeitrag das Bekannte zusammenzufassen, das ist über katholische und reformatorische Musik knapp informierend, über jüdische und islamische Musik kann das kaum gelingen.
Hier schreibt denn Jascha Nemtsov interessant und grundlegend über die Assimilation jüdischer Musik im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland, vermag über die ursprüngliche jüdische Musik aber nicht hinreichend aufzuklären.
Dominik Skala versucht sich in einer Erklärung der katholischen Grundhaltung zur Musik in der Kirche, wie sie schwankt zwischen einer wohlmeinenden Wertschätzung der traditionellen deutschen Kirchenmusik und einer theologischen Grundhaltung, die die Zeugnisse der Bibel wörtlich nehmen möchte und die Musik auf die liturgische Gregorianik beschränken möchte.
Gustav A. Krieg hat mit seinem Themengebiet der reformatorischen Kirchen die dankbarste Aufgabe. Da gibt es halt am meisten zu berichten, insbesondere zur lutherischen Musik.
Christian Hannick schreibt über das Schöne und Erhabene in der byzantinischen Musik, die die lebendige Frühzeit der Kirchenmusik lebendig versteinern lässt.
In Milad Karimis Beitrag zu Glaube und Musik im Islam ist zu lesen, wie aus dem Geist einer ästhetischen Theologie Musik entsteht und gerechtfertigt wird. Seine Sätze zur suchenden und begründenden Philosophie könnten genauso für die christliche Musik gelten.
Interessanter ist da noch der Beitrag von Samir Odeh-Tamini zur Koran-Rezitation. Geschichte, Traditionen und Techniken werden beschrieben und lassen im Resümee eigentlich jede aktuelle Version offen.
Christoph Schwöbel schließlich bringt in 10 Thesen Gedanken zur Idee einer Theologie der Musik. Da merkt man, dass ein konkreter Musikauftrag schlüssiger zu einem Ergebnis führt als unter theologischen Voraussetzungen darüber zu „fabulieren“.

Fazit: Von diesen Bänden braucht es noch etliche mehr, bis den Christen jüdische und islamische Musik vertraut sein kann, und umgekehrt gilt das natürlich genauso!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - August 2016 / Juni 2017

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Das Geheimnis der Wartburg

Komponistin: Henrike Thies-Gebauer
ISBN: 978-3-95423-014-3
Verlag: Zebe


Die Geschichte ist gut ausgedacht: Vier Kinder auf der Wartburg kommen im Jahr 1521 dem Geheimnis des Junker Jörg alias Martin Luther auf die Spur. Dabei wird der zentrale theologische Gedanke der Reformation wie nebenbei kindgerecht und nachvollziehbar vermittelt. Die gesprochenen Theatertexte sind sehr gut entwickelt; jeder Satz sitzt und treibt die Geschichte voran.

Die Lieder des Stückes sind alle im 4/4 Takt, in leichtem Pop-Stil geschrieben, eingängig in den Melodien und im Tonbereich c‘ bis c‘‘, d.h. die Kopfstimme der Kinder wird nicht eingesetzt. Manche Gruppenleiter wird dies freuen, für andere wird es ein Grund sein, das Musical nicht auszuwählen. Zwei Luther-Lieder sind im Stück untergebracht. Manche der insgesamt 9 Lieder brauchen schon beim Einüben die harmonisch-rhythmische Begleitung als Stütze. Der Verlag bietet eine Demo-CD und eine Playback-CD an; auch dies für die Einen eine gern angenommene Unterstützung und für Andere undenkbar. Die Streicher sollten intonationssicher sein und der Drummer zuverlässig im Tempo-Halten, ansonsten aber sind die Instrumentalstimmen nicht sehr schwer, am ehesten rhythmisch herausfordernd.

Die Lieder sind relativ schnell gelernt; Arbeit machen vor allem die Theaterszenen. Es muss organisatorisch getrennte Probenzeiten für die Schauspielenden geben, damit man nicht den Kinderchor ewig warten lässt. Einige wenige Theaterrollen gibt es, die kein Singenkönnen verlangen; es kann ja entlastend sein, wenn „Brummer“ an anderer Stelle eine wichtige Aufgabe erfüllen.

Ein Musical im eigentlichen Sinn ist dieses etwa einstündige Stück nicht, eher ein Musiktheaterstück, denn zum Musical würde auch Tanz gehören bzw. es müssten die Lieder mit Bewegung gut ausgestaltet sein. Evtl. könnte dies ja durch einen guten Regisseur bewerkstelligt werden. Ob mit oder ohne Bewegungsgestaltung - jemand mit Erfahrung sollte Regie führen. Allenfalls muss man bei Kleinigkeiten von den Regieanweisungen der Partitur abweichen (z. B. ist fraglich, ob Junker Jörg auf der Bühne „versehentlich“ ohne Schadensrisiko einen Pfeil abschießen kann), das tut aber dem Ganzen keinen Abbruch.

Lichttechnik ist vonnöten, um die Übergänge zwischen einzelnen Szenen zu verdeutlichen. Und Mikrophontechnik muss den Solisten helfen, sich gegenüber den Instrumenten zu behaupten. Drei Bühnenbilder sind vorgesehen; sie wären zur Not entbehrlich und das Stück würde auch ohne sie funktionieren.

Zur äußeren Aufmachung: Gut, dass es die Partitur mit Ringbindung gibt; schlecht, wenn die Ringe zu eng sind. Der Notendruck ist für den Überblick beim Partiturlesen zu groß und es muss zu oft geblättert werden. Abgesehen davon aber ist er sauber und fehlerfrei.

Fazit: Wer einen nicht zu kleinen Chor hat, über die nötige Technik, die nötigen Instrumentalisten und einen guten Regisseur verfügt und wer bezüglich der Probenzeit einen langen Atem hat, dem sei das Stück empfohlen. Denn die inhaltliche Aufbereitung des zentralen Gedankens der Reformation ist hier hervorragend gelungen.


Elke Landenberger
für www.notenkeller.de - Dezember 2016 / Juni 2017

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KUNST & GLAUBE - Ottheinrichs Prachtbibel und die Schlosskapelle Neuburg

Herausgeber: Brigitte Langer / Thomas Rainer
ISBN: 978-3-7954-3068-9
Verlag: Schnell + Steiner


Im Vorfeld des Reformationsjubiläums ist es Zeit, sich auch mit den speziellen baulichen und räumlichen Voraussetzungen evangelischer Kirchenmusik im Reformationsjahrhundert zu befassen.

Die Schlosskapelle in Neuburg/Donau (geweiht 1543) ist der erste als protestantischer Saalbau fertig gestellte Raum. Ein Jahr vor diesem Jubiläum wurde seine erneute Restaurierung abgeschlossen und der Raum mit einer bedeutenden Ausstellung wieder eröffnet. Zur Ausstellung in Schloss Neuburg – inzwischen dient die Kapelle wieder als evangelischer Kirchenraum - ist ein Begleitbuch erschienen, das in erster Linie in die hohe Kunst der Prachthandschrift der Ottheinrich-Bibel, dem ersten reich bebilderten Neuen Testament in deutscher Sprache, einführt. Der kunstsinnige Pfalzgraf Ottheinrich (1502 – 1559), seit 1522 Regent des 1505 gegründeten Fürstentums Pfalz-Neuburg, wo er 1542 mit Hilfe des Nürnberger Reformators  Andreas Osiander die Reformation durchführen ließ, und seit 1556 Kurfürst der Pfalz mit Sitz in Heidelberg, hat diese Bibel, die Herzog Ludwig VII. von Bayern-Ingolstadt bereits um 1430 hatte anlegen lassen, im evangelischen Verständnis vervollständigen lassen. Der monumentale heute in acht Teile gegliederte Band ist als einer der ersten evangelisch gestalteten Prachtbibeln singulär, seine vollendete Bildausstattung von höchstem kunst- wie reformatorisch-historischen Interesse! Zur Bibel gesellten sich zudem rund 150 andere hochkarätige Leihgaben aus internationalen Bibliotheken.

Von eigentlichem Interesse hier aber ist der Kirchenraum mit den Deckenbildern eines monumentalen Bibelzyklus von Hans Bocksberger d. Ä. aus Salzburg, bezeichnet als „Bayerische Sixtina“. Das Bildprogramm war vermutlich durch Andreas Osiander und den ersten Hofprediger Adam Bartholomaei vorgegeben. Zur Ausstattung des Raumes gehörten gegenüber der Fürstenloge der zentrale Altar, daneben etwas erhöht die Kanzel und auf einer Empore oberhalb des Altars die Orgel. Von ihr ist immerhin der Name des Orgelbauers überliefert, Hans Schachinger  (*1485 in Passau, † um 1558 in München, wahrscheinlich ein Schüler Paul Hofhaimers). Näheres über die Orgel und was auf ihr wer gespielt hat, auch über eine Kantoreiarbeit, ist nicht bekannt. Da die Hofkirche 1614 im Zuge der Gegenreformation durch Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm entwidmet wurde, werden vermutlich alle Zeugnisse protestantischen Kultus damals vernichtet worden sein. Nach Übertünchung der protestantischen Fresken und schließlich der vollkommenen Profanisierung wurde 1849 die Nutzung des Raumes durch die inzwischen gewachsene evangelische Gemeinde vom bayerischen König Max II. Joseph genehmigt. Als Begleitbuch zur Ausstellung berichtet der Band über die damalige wie heutige evangelische Nutzung verständlicherweise nichts.

Die Ausstattung des Bandes lässt nichts zu wünschen übrig, prächtiger als dieser ist nur die Wirklichkeit in Neuburg, ein Besuch der Hofkapelle lohnt sich immer, um frühe reformatorische Gottesdienstpraxis sich vorstellen zu können. Wem das nicht möglich ist, hat mit diesem Band einen instruktiven wie „bildschönen“ Ersatz!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - August 2016 / Juni 2017

Dieses Buch ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de) - erhältlich.
Martin Luther

Autor: Hichael Märker
ISBN: 978-3-95775-610-3
Verlag: Kamprad

Eine bescheidene Randbemerkung dieses 144 Seiten starken Buches ist folgende: Der Autor Michael Märker (geb. 1956) ist habilitierter Musikwissenschaftler, langjähriger Hochschuldozent in Leipzig und Halle und in der 13. Generation Nachkomme von Martin Luther. Das lässt denn einen Band erwarten, der in großer Verantwortung vor dem Ahnen und dennoch populär-wissenschaftlich gestaltet ist. Diese Erwartung wird auch voll erfüllt, beginnend mit dem Titelbild (Pauwels: Luthers Thesenanschlag, 1872), zu dem Märker dann schreibt: So ist das Bild des hammerschwingenden Geistes- und Glaubensheroen Martin Luther, der – umgeben von einer bewundernd aufschauenden Menschenmenge – mit dem Thesenanschlag von Wittenberg 1517 ein neues Zeitalter einläutet, eine geniale Erfindung aus späteren Zeiten, die der komplexen Wirklichkeit nicht standhält. Trotzdem fällt es uns schwer, von diesem Bild abzulassen…

In 23 Kapiteln stellt der Autor das Leben des Reformators chronologisch und thematisch dar, von den Eltern über den Werdegang in Schule und Studium, von seiner Reise nach Rom, Ablasshandel und 95 Thesen, über die Auseinandersetzungen in Augsburg, Leipzig und Worms bis hin zur Bibelübersetzung auf der Wartburg und seinen Stellungnahmen zu Thomas Müntzer, Zwingli, Calvin und den Juden und Türken sowie sein Leben mit seinen Freunden Spalatin, Melanchthon, Cranach und schließlich mit seiner Käthe. Das wird alles zwar kurz, aber dennoch gründlich und entschieden abgehandelt und einsichtig und ausgewogen gewertet, kein falscher Ahnenkult ficht den Autor an. Zwar hätte der Rezensent als Musiker gerne mehr gelesen zu Luthers Vorworten zu den ersten Gesangbüchern und der liturgischen Gestalt in Formula missae und deutscher Messe, doch sind diese Fachgebiete woanders bereits gründlich aufgearbeitet und dort nachzulesen.

Märker zeichnet den Reformator als entschiedenen, auf der Bibel basierenden Theologen, der wenig diplomatisch und verständnisvoll handelte, gerne genussreich sein familiäres Leben führte, der Verkündigung von Sola Scriptura, sola fide, sola gratia, sola Christus vehement lebte und damit Europa eine Wendung gab, deren Auswirkungen noch heute prägend sind. Märker schließt: Nur ein entheroisierter, demytholgisierter Luther, dessen Grenzen nicht tabuisiert werden, hat uns nach einem halben Jahrtausend noch etwas zu sagen – dies allerdings in eindringlicher Klarheit. Solche Sätze sind es, die damals und heute zusammenbinden und die Aufgabe der (ecclesia) semper reformanda immer wieder neu anmahnen.

Mit seinen über 100 ausgesuchten Abbildungen und einer Seite mit von Luther geprägten Sprichwörtern, Redewendungen und Wörtern vermag der Band auch ästhetisches Vergnügen zu bereiten, die hohe Druckqualität und der niedrige Preis machen das Buch zum idealen Geschenkband für Lutherfreunde - und erst recht für Luthermuffel!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Juli 2016 / Juni 2017

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Emblematik im Ostseeraum

Herausgeber: Ingrif Höpel / Lars Olof Larsson
ISBN: 978-3-86935-278-7
Verlag: Ludwig

Der Band, Band III der Reihe Mundus Symbolicus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), sammelt auf 232 Seiten mit 162 scharz/weißen und 58 Farbabbildungen insgesamt 16 Beiträge einer Internationalen Tagung der Society for Emblem Studies, die in Kiel im Sommer 2014 stattfand. Bis zum  4.9.2016 noch läuft eine Ausstellung gleichen Titels in der Universitätsbibliothek der CAU.

Buch und Ausstellung beleuchten die Wechselwirkungen der gedruckten Bücher auf Architektur, Alltagsleben und Festkultur in der Ostseeregion. Ein europäisches Netzwerk von ikonographischen Mustern und Motivwanderungen führte, im 16. Jahrhundert beginnend, bis ins Ende des 18. Jahrhunderts zu ritualisierten Formen in Bildern,  Sprache und Architektur, deren Verständnis erarbeitet sein will.

Hoch interessant ist zu lesen, wie verschieden Vorlagen hier verwendet und umgestaltet wurden zu eigenen programmatischen Aussagen, z.B. auf dem Taufdeckel der St.-Jürgen-Kirche zu Gettorf.  
Die Emblematik (Sinnbildforschung) ist aufgrund ihrer Zusammensetzung aus Bild und Text interdisziplinär. So finden sich in diesem Band Aufsätze von Kunsthistorikern, Literaturwissenschaftlern und Theologen. Piotr Kociumbas beschäftigt sich als Musikwissenschaftler mit dem emblematischen Denkprinzip im Danziger Kantatenschaffen des 18. Jh., vornehmlich also mit Kantaten von Johann Balthasar Christian Freislich und seinem Schwiegersohn, dem Bachschüler Friedrich Christian Mohrheim, bleibt aber mit dieser Arbeit leider allein in dem Band. Was bezeichnend ist für die derzeitige Situation von interdisziplinärer Forschung, in der die Musikwissenschaft viel zu wenig eingebunden ist.

Wer sich den Band zulegt, erfährt aber so nebenbei vieles über das, was man sehen kann, aber kaum versteht, wenn es nicht hier benannt worden wäre, z.B. über das Fest der Hamburger Bürgerkapitäne (nicht aber Telemanns dazugehörige Musiken), Funeralschmuck und –rhetorik in Mecklenburg (nicht aber Funeralmusik), und die Kraniche in Heilig-Geist in Wismar. Denn wer weiß schon, dass die Wachsamkeitshaltung des Kranichs sinnbildlich eine Mahnung darstellt, Christus immer im Geist zu tragen?


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Juli 2016 / Juni 2017

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Martin Luther - Lebensspuren

Autoren: Jutta Krauß / Ulrich Kneise
ISBN: 978-3-7954-2855-6
Verlag: Schnell + Steiner


Wie sich „Bilderbücher“ im Verlauf der letzten einhundert Jahren geändert haben, lässt sich trefflich an dieser Ausgabe studieren. Zwar haben nicht Umfang (hier 288 Seiten) und Inhalt zugenommen, die Qualität der Bild-Wiedergabe aber ist heute auf unvergleichlicher Höhe und die inhaltliche Stringenz wie sachliche Information sind ausgewogen und rundum nüchtern informativ. 93 farbige und 75 schwarz/weiße Illustrationen des Eisenacher Ulrich Kneise bebildern nicht nur, sondern vermitteln künstlerisch Informationen und dazu landschaftlich/jahreszeitliche Stimmungen. Jutta Krauß, ebenfalls Eisenach, untergliedert ihre Texte in chronologischer Weise, gut nachvollziehbar wie schnell auffindbar sind da Luthers Sentenzen wiederzufinden.

Zwei Probleme machen sich dennoch bemerkbar: Die Abbildungen tragen keine Unterzeilen, obwohl genügend Platz vorhanden ist, umständlich mit viel Blättern sind sie erst am Ende des Bandes zu finden. Und nur einmal spricht Krauß von Luthers Nähe zur Musik, u.z. in seiner Studentenzeit. Sein Leben in Musik, seine Motivation dazu, sein Choralschaffen, die Vorworte zu den ersten Gesangbüchern u.ä. werden gar nicht erwähnt.

Fazit: Für die schnelle Information zu Luthers Leben ist der Band mehr als dienlich, sogar angenehm zu lesen und zu beschauen, vollständig kann er nicht sein, aber ein Geschenkband von hoher Güte und das zur rechten Zeit vor dem Reformationsgedächtnisjahr ist er allemal.

Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Juli 2016 / Juni 2017

Dieses Buch ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de) - erhältlich.


Musikort Kloster

Herausgeberin: Susanne Rode-Breymann
ISBN: 978-3-412-20330-6
Verlag: Böhlau


Im Band 6 der Reihe Musik-Kultur-Gender versammelt die Herausgeberin die Beiträge eines Symposions„Das Kloster, Ort kulturellen Handelns von Frauen in der Frühen Neuzeit“, das im Sommer 2008 in Hannover als gemeinsames ProjektderMusikhochschule mit der Klosterkammer durchgeführt wurde.

Mit den Themenbereichen Wissen und Tradierung, Spiritualität, Komponieren in Klöstern, Musik in den Lüneburger Frauenklöstern, Bild Abbild Lebensbild und Garten nähern sich die Beiträge einem bisher nur wenig beleuchteten Forschungsgebiet, dem der kulturschaffenden Frauen vor und nach der Reformation. Epochale Arbeit hatte da bereits Ulrike Volkhardt 2010 mit ihrer 6 CDs umfassenden Einspielung von Musik aus den Heideklöstern geleistet. Grundlagen zur klösterlichen Praxis erläutern Eva Schlotheuber zu Bildung und Bibliotheken sowie Nina Noeske zur Disziplinierung des Wissens und Carsten Winter zur Kulturellen Rationalität von Gesellschaft im Wandel. Einen besonderen Beziehungspunkt bildet die Reformation der Calenberger Klöster, durchgeführt von der Regentin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg, auf sie geht die heutige Klosterkammer ja zurück. Ulrike Hascher-Burger und Ulrike Volkhardt widmen sich noch einmal der Musik in den Heideklöstern, Karin Schrader widmet sich den Frauenbildnissen von Fürstinnen und Äbtissinnen. Der Band schließt mit einem Autorenverzeichnis und einigen Farbtafeln, beigegeben ist auch eine CD mit weiteren Beispielen aus verschiedenen Heideklöstern.

Auch wenn immer wieder angemerkt wird, wie dünn die Forschungslage derzeit noch ist, so stellt der Band doch die partielle Gliederung des Wissensstandes vor, auf der sich gut weiterarbeiten ließe. So macht dieser Band die große Wissenslücke auf dem thematisierten Gebiet erst richtig bewusst. Einen guten Anlass, bisher verborgenes Geschehen aus den Klöstern und Stiften der Reformationszeit weiter zu erforschen, bietet jedenfalls das Reformationsjubiläum im kommenden Jahr.

Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Juli 2016 / Mai 2017

Dieses Buch ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de) - erhältlich.


Trio Spielbuch für drei Blockflöten

Herausgeber: Ulrich Herrmann
ISMN: 979-0-2045-3963-5
Verlag: Heinrichshofen & Noetzel


Das vorliegende Sammelalbum für drei Blockflöten enthält Spielstücke vom 14. bis zum 20. Jahrhundert. Die wenigsten Werke dürften originale Blockflötenliteratur sein, was den Wert der Sammlung aber keineswegs schmälert. Vor allem die Abteilung mit der Alten Musik enthält einige unbekannte Miniaturen, die eine Aufführung durchaus verdienen. Neben bekannten Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Friedrich Händel, die jeweils mit verschiedenen Bearbeitungen zu finden sind, finden sich ausserhalb der spezialisierten Welt fast unbekannte Komponistennamen wie Giuliano Tiburtino oder Johann Christoph Schulze.
Benötigt werden alle Lagen der gängigen Blockflötenfamilie (SATB) in verschiedenen Kombinationen. Die meisten Bearbeitungen klingen gut und sind auch schon von fortgeschrittenen SchülerInnen spielbar.

Einige Merkwürdigkeiten bieten die Bearbeitungen aus der Romantik. Hat man den Klang der Equale von Bruckner in der originalen Posaunenbesetzung im Ohr, wirken die Stücke auf Blockflöten etwas eigenwillig. Ebenso ergeht es mir bei den Stücken von Beethoven, Mendelssohn und Rimski-Korssakow. Die Liedbearbeitungen von Brahms dagegen klingen ob der Volksliedvorlagen erstaunlich gut.

Der Band schließt mit einem Siciliano des Herausgebers, dass sich sehr an alte Stile anlehnt.
Nicht nur für Blockflötenfreunde eine schöne Sammlung, deren Eigenwilligkeiten auf anderen Instrumenten sicher nicht ins Gewicht fallen. Also, „om singhen ende spelen op alle instrumenten“, wie es schon die alten Niederländer schrieben.
Lohnende Literatur für Unterricht und bedingt für Konzert.

Sven Dierke
für www.notenkeller.de - November 2016 / Mai 2017

Diese Noten sind im gut sortierten Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de) - erhältlich.


Music at San Marco

Interpreten: ensemble Officium
Label: Christophorus


Wilfried Rombach, Kantor an der kath. Universitäts- und Stadtpfarrkirche St. Johannes in Tübingen, geht mit seinem Ensemble Officium seinem Steckenpferd nach, der Musik der zweiten Hälfte des Reformationsjahrhunderts. Die ist evangelisch wie katholisch mehr oder weniger noch diktiert von der franko-flämischen Polyphonie, Orlando di Lassos Werke waren überall vertreten - und die seines Freundes Andrea Gabrieli (1532/33  - 1585), dem späteren Lehrer von u.a. seinem Neffen Giovanni, dem Augsburger Organisten Gregor Aichinger, des Dresdener Hofkapellmeisters Rogier Michael und des Nürnberger Hans Leo Haßler.  

Den Organisten ist der Markusorganist wohl vertraut durch mehrere Gesamtausgaben, sein umfängliches Vokal-, bzw. Instrumentalwerk von Messen, Motetten und Madrigalen gilt es aber ebenso zu beachten. In Gabrielis erster Publikation, den Sacrae Cantiones (Venedig 1565), einer Sammlung von 37 fünfstimmigen geistlichen Gesängen, gewidmet Albrecht V. von Bayern, Lassos Arbeitgeber, seit Kurzem im Neudruck wieder greifbar (Neuausgabe Verlag C. Hofius, Ammerbuch 2013, ISMN 979-0-50248-001-1), widmet sich Gabrieli dieser Kunst der Polyphonie.

Rombach bringt 14 Motetten aus dieser Sammlung, wechselnd besetzt mit einem chorischen Ensemble und Bläsern und natürlich einem Positiv (leider keiner italienischen Orgel), dazu die zehnstimmige Motette Laudate Dominum in sanctis eius, 1587 veröffentlicht von seinem Neffen Giovanni. Der Aufnahme mangelt es an nichts, Klangfreude wie Deutlichkeit und Präsenz sind vorzüglich, nur die Akustik des Aufnahmeraumes, der Ev. Kirche Peter und Paul Mössingen, hätte man gerne eingetauscht gegen eine größere, wie sie in San Marco gegeben ist. Das sich bescheiden gebende Booklet bringt einen kundigen Aufsatz von Rombach, verschweigt aber Daten zu den Ausführenden.

Empfehlenswert? Sehr empfehlenswert!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Mai 2016 / Januar 2017

Diese CD ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich) - erhältlich.
Protestantischer Kirchenbau der Frühen Neuzeit in Europa

Autor: Jan Harasomowicz
ISBN: 978-3-7954-2942-3
Verlag: Schnell + Steiner


Grundlagen und Forschungskonzepte

26 deutsch- und englischsprachige Beiträge eines Workshops, das Ende 2013 in Wien stattfand, bündelt dieser hervorragend gestaltete Band. Mit treffenden Zeichnungen und Abbildungen reich versehen beschäftigen sich die Autoren mit der Entwicklung des protestantischen Kirchenbaus in Dänemark, Finnland, in den Niederlanden, England, Nassau, Hessen, Kursachsen, Estland, Schlesien, Böhmen, Slowakien und Osteuropa.

Zur Thematik gehören Aussagen Luthers und anderer Reformatoren, evangelische Sakralität, die spezifische Gestalt von Jesuitenkirchen und Hugenotten-Kirchen, von Simultaneen, die Bauten unter verschiedenen politischen und sozialpolitischen Gegebenheiten wie Schlosskapellen und Gemeindekirchen als Breitsaalkirchen, Wandpfeilerkirchen, Querkirchen etc. Übersichtlich sind diese Aspekte zusammengetragen für ein Forschungsprojekt zur Online-Database, in dem dann jeder nachblättern kann. Es soll so die eigene Kulturidentität des reformatorischen Kirchenbaus systematisch nachgewiesen werden, was auf der einen Seite natürlich längst gesichertes Wissen, aber in seiner Vielfältig- und Reichhaltigkeit bisher kaum einsichtig und nachschlagbar ist.

Herausgeber ist der Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte der Renaissance und Reformation an der Universität Breslau, Prof. Dr. Jan Harasimowicz, der mit seinem umfangreichen Netzwerk die Autoren für diese Aufgabe zusammenbrachte.

Was kunstwissenschaftlich für die Principalstücke wie Altar, Taufe und Kanzel dabei unbedingt überzeugt, lässt aber das weite Feld der gottesdienstlichen Musikpraxis leider fast ganz offen. Nur nebenbei finden sich die unterschiedlichen Standorte von Orgeln, Emporen oder anderen Gegebenheiten für Musikerensembles aufgeführt. Aber das Forschungsvorhaben ist ja auch noch nicht beendet!

Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Mai 2016 / Januar 2017

Dieses Buch ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich) - erhältlich.


Max Reger - Werk Statt Leben

Autor: Susanne Popp
ISBN: 978-3-7651-0450-3
Verlag: Breitkopf & Härtel


Zum 100.Todestag erschien nun eine neue Biographie von Max Reger, von der man schlichtweg sagen muss, sie wird nicht nur allen Anforderungen an eine Lebensbeschreibung gerecht, sondern sie übertrifft in ihrer sprachlichen Gestaltung, ihrer spürbaren Sympathie mit dem seinem Werk manisch ergebenen Komponisten, der als Mensch bis heute nur wenig Sympathien auf sich zu ziehen vermochte, und der konsequenten Darstellung aller Querbezüge zwischen Werkentstehungen, Niederschriften, Ausarbeitungen, Verhandlungen mit den Verlegern und Werbemaßnahmen wie Briefwechseln und Konzertreisen alles bisher Dagewesene!

Mit großer Genauigkeit und Zielstrebigkeit widmet sich Susanne Popp, die ehemalige Leiterin des Reger-Institutes in Karlsruhe, der genauen chronologischen Darstellung und kurzen, aber sehr treffenden Werkbeschreibungen wie auch den so ganz persönlichen Briefwechseln mit seinen wenig gebliebenen Freunden. Ihr gelingen fundamental einleuchtende Sätze, die Regers Streben vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund deutlich machen und die den ursächlichen Zusammenhang seines „Arbeitsteufels“ aus der eigenen Familientradition, der ungünstigen gesellschaftlichen Situation, der eigenen z.T. fehlgeleiteten Kompensation und seinem vulkanischen Drang zur Komposition zu beschreiben und zu erklären suchen.

Herausgekommen ist ein großformatiger Wälzer von 455 Seiten, hinzu kommen noch Anmerkungen, Werkregister und diverse Verzeichnisse, und das zu einem Preis, für den man dem Verlag nur dankbar sein kann. Susanne Popp versteht es, den hoch geachteten Meister von Kompositionen für Orgel, Kammer-, Orchester- und oratorischer Musik dem Leser in all seiner Zwiespältigkeit  zwischen einsamer Genialität, bajuwarischer Gemeinheit eines Emporkömmlings und auch gegenüber sich selbst rücksichtslosen Kämpfers um sein eigenes Werk nahe zu bringen. Unverständlich wird so, dass sein epochales Werk so bald nur als epochal angesehen wurde. Selbst heute machen sich nur wenige Organisten und noch weniger Pianisten, Kammermusiker, Chor- und Orchesterleiter die Mühe, Regers Werk ein gerechtes wie berechtigtes Interesse entgegen zu bringen. Wer z.B. nur einmal seine Motette op. 110,3 „O Tod, wie bitter bist du“ erlebt hat, den wird das choralartige „O Tod, wie wohl tust du“ nicht mehr loslassen, ein Moment, den Reger wohl auch selbst so erlebt hat.

Fazit: ein Buch, das jeder Regerverehrer wie -verächter unbedingt durcharbeiten soll!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de -Juli 2016 / Januar 2017

Dieses Buch ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich) - erhältlich.

800 Jahre Dresdner Kreuzchor

Lieder aus 8 Jahrhunderten
Label: Berlin Classics


O Crux, Spendidor cunctis astris (leuchtender als alle Sterne), salva praesentem catervam (bewahre die hier anwesende Schar), ja, bis heute ist die im 14. Jahrhundert gestiftete musikalische Verbindung der Crucianer zum Erlöser hörbar wirksam, wie es im Antiphon gleich zu Beginn besungen wird. Bei gregorianischen Gesängen blieb es nicht, es folgen auf dieser CD in Aufnahmen von 1964, 1983, 1984, 2002, 2003, 2009, 2010, 2015 unter Mauersberger, Flämig, Kopp und Kreile ein Messesatz, eine Sequenz, Choral- und Spruchmotetten und Geistliche sowie Volkslieder. Da ist der Untertitel „Lieder“ (aus 8 Jahrhunderten) ein wenig irreführend vereinfachend geraten.

Präsentiert sind Werke von natürlich Johann Walter und Heinrich Schütz, aber auch von Schein, Kuhnau, Rheinberger, Theodorakis, Buchenberg, Senfl, Wipo von Burgund (hier von Solothurn genannt), Dunstable, Eccard, Anerio, Mendelssohn, Brahms, Mozart und  Mauersberger. Und eigentlich vermisst man dann doch Werke der Kreuzkantoren Homilius, Christian Ehregott Weinlig und Friedrich Oskar Wermann, die bei einer Spielzeit von knappen 56 Minuten doch noch Platz hätten finden können.

Immer hört sich der Chor frisch an und immer anders, was natürlich bedingt ist durch die jährliche Fluktuation. Wünschen würde man dem Chor auch das G9, um den Bass noch tragfähiger hören zu können, und von Herzen eine beständige „weltliche Hoheit“!

Und wünschen wird man dem Chor noch viele Jahrzehnte und Jahrhunderte nimmermüde Kreuzkantoren, Mühe, Arbeit und viele Erfolge und vor allem den immerwährenden Beistand des leuchtenden Salvators!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - April 2016 / Januar 2017

Diese CD ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich) - erhältlich.


Das Geheimnis der Wartburg

Autorin/Komponistin: Henrike Thies-Gebauer
Verlag: Zebe

Ein Luther-Musical für einstimmigen Chor, 12 Solisten, Streicher, Piano, Drums und Bass

Die Geschichte ist gut ausgedacht: Vier Kinder auf der Wartburg kommen im Jahr 1521 dem Geheimnis des Junker Jörg alias Martin Luther auf die Spur. Dabei wird der zentrale theologische Gedanke der Reformation wie nebenbei kindgerecht und nachvollziehbar vermittelt. Die gesprochenen Theatertexte sind sehr gut entwickelt; jeder Satz sitzt und treibt die Geschichte voran.

Die Lieder des Stückes sind alle im 4/4 Takt, in leichtem Pop-Stil geschrieben, eingängig in den Melodien und im Tonbereich c‘ bis c‘‘, d.h. die Kopfstimme der Kinder wird nicht eingesetzt. Manche Gruppenleiter wird dies freuen, für andere wird es ein Grund sein, das Musical nicht auszuwählen. Zwei Luther-Lieder sind im Stück untergebracht. Manche der insgesamt 9 Lieder brauchen schon beim Einüben die harmonisch-rhythmische Begleitung als Stütze. Der Verlag bietet eine Demo-CD und eine Playback-CD an; auch dies für die Einen eine gern angenommene Unterstützung und für Andere undenkbar. Die Streicher sollten intonationssicher sein und der Drummer zuverlässig im Tempo-Halten, ansonsten aber sind die Instrumentalstimmen nicht sehr schwer, am ehesten rhythmisch herausfordernd.

Die Lieder sind relativ schnell gelernt; Arbeit machen vor allem die Theaterszenen. Es muss organisatorisch getrennte Probenzeiten für die Schauspielenden geben, damit man nicht den Kinderchor ewig warten lässt. Einige wenige Theaterrollen gibt es, die kein Singenkönnen verlangen; es kann ja entlastend sein, wenn „Brummer“ an anderer Stelle eine wichtige Aufgabe erfüllen.

Ein Musical im eigentlichen Sinn ist dieses etwa einstündige Stück nicht, eher ein Musiktheaterstück, denn zum Musical würde auch Tanz gehören bzw. es müssten die Lieder mit Bewegung gut ausgestaltet sein. Evtl. könnte dies ja durch einen guten Regisseur bewerkstelligt werden. Ob mit oder ohne Bewegungsgestaltung - jemand mit Erfahrung sollte Regie führen. Allenfalls muss man bei Kleinigkeiten von den Regieanweisungen der Partitur abweichen (z. B. ist fraglich, ob Junker Jörg auf der Bühne „versehentlich“ ohne Schadensrisiko einen Pfeil abschießen kann), das tut aber dem Ganzen keinen Abbruch.

Lichttechnik ist vonnöten, um die Übergänge zwischen einzelnen Szenen zu verdeutlichen. Und Mikrophontechnik muss den Solisten helfen, sich gegenüber den Instrumenten zu behaupten.
Drei Bühnenbilder sind vorgesehen; sie wären zur Not entbehrlich und das Stück würde auch ohne sie funktionieren.

Zur äußeren Aufmachung: Gut, dass es die Partitur mit Ringbindung gibt; schlecht, wenn die Ringe zu eng sind. Der Notendruck ist für den Überblick beim Partiturlesen zu groß und es muss zu oft geblättert werden. Abgesehen davon aber ist er sauber und fehlerfrei.

Fazit: Wer einen nicht zu kleinen Chor hat, über die nötige Technik, die nötigen Instrumentalisten und einen guten Regisseur verfügt und wer bezüglich der Probenzeit einen langen Atem hat, dem sei das Stück empfohlen. Denn die inhaltliche Aufbereitung des zentralen Gedankens der Reformation ist hier hervorragend gelungen.


Elke Landenberger
für www.notenkeller.de - Dezember 2016

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Bach in Brazil


Original Motion Picture Soundtrack
Label: Berlin Classics

Die vielen Vorschusslorbeeren, die der gleichnamige Film bereits erhalten hat (Publikumspreis Filmfest Emden 2015, Bernhard-Wicki-Publikums-Preis, NDR Filmpreis für den Nachwuchs, "Schreibtisch am Meer"-Preis etc.), sind die eine Seite, die CD mit dem Soundtrack des Films die andere. Was im Film getragen von der positiven sozialen Handlung zu einem emotional guten Ergebnis führt, kann die CD zwar in Erinnerung rufen, alleine aber ohne die Filmhandlung will sich das gehabte Glücksgefühl nicht einstellen – welches Schicksal sich dieser Soundtrack mit fast allen anderen Soundtracks teilt.

Gar keine Frage, die Musik ist gut gemacht, da wird mit Klarinette, Violine, Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Euphonium, Cavaquinho gekonnt musiziert, auch der Knabenchor Hannover, das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder und das Barockorchester L’Arco sind zu hören, von Bach sind etliche passend zerlegte Melodiefetzen hervorragend verarbeitet, alles das ist nur positiv zu vermerken. Trotzdem springt von der CD kein Funke über, es ist ja nur ein Soundtrack – leider, bei dem deutlich zu hören ist, dass die Musik nur Mittel zum Zweck ist und keinen unmittelbaren Anspruch erhebt, originär oder gar mit einem innermusikalischen roten Faden versehen sein zu wollen.
Wie bereits geschrieben, gut zum Nachhören, wenig gut zum Zuhören!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - März 2016 / September 2016

Diese CD ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich) - erhältlich.

Ich gieng einmal spatieren

Interpret: Jan Katzschke
Label: Querstand

Ein Wanderer zwischen den Welten war Hans Leo Hassler, zwischen der evangelischen Welt seiner Geburtsstadt Nürnberg (Leonhard Lechner und Friedrich Lindner) und der katholischen Welt seiner Studienzeit in Venedig (Andrea und Giovanni Gabrieli, Gioseffo Zarlino, Claudio Merulo u.a.), zwischen den Fuggern in Augsburg (Organist) und Nürnberg (Oberster Musicus) und Dresden (Kammerorganist), zwischen einem Leben als Organist (Teilnehmer an der Orgelprobe in Gröningen 1596), Komponist (evangelischer Choral, franko-flämischer polyphoner Stil, italienisch homophone Madrigale und mehrchörige Werke, Motetten, Messen und vieles mehr), Musikautomatenbauer und von Ulm aus Geschäftsmann im Silber- und Kupferbergwerkhandel und Geldverleiher u.a. für den Kaiser, der ihn dafür 1595 in den Adelsstand erhob. Gewandert sind auch die Texte seiner Melodien, aus Mein Gemüth ist mir verwirret wurde Herzlich tut mich verlangen, aus dem geistlich Lied, von Adam und Eva Ich gieng einmal spatieren im Ton: Ich weiß ein stolze Müllerin (Ju He!) wurde Von Gott will ich nicht lassen. Eine unsterbliche Melodie, über 450 Jahre alt, ein Lied über Adam, Eva und den Sündenfall, über die Menschwerdung Christi und die wiedergewonnene Freude an der Natur. Den Text (nach Ernst Moritz Arndt) findet man dankenswerterweise im Booklet.

Mit den31 Variationen zu dieser Melodie schuf Hassler zu seiner Zeit, lange vor Sweelincks und Scheidts Lehrtätigkeit und Steigleders 40 Variationen über Luthers Vaterunser-Lied, ein unvergleichliches Standardwerk clavieristischer  Kunstfertigkeit. Für diese seine bedeutendste Instrumentalkomposition benötigt Katzschke mehr als 35 Minuten, monumentale 35 Minuten unaufhörlicher Inventio, Dispositio, Elaboratio, Decoratio, Elocutio und Executio, fesselnd von Minute zu Minute überlegter Choralsatz und figurierter Satz, nachdenklich bis virtuos wechselnd, mal gering-, mal vollstimmig, mal auch in scheinbarer Mehrchörigkeit in einem einzigartig planvoll durchdachten dramaturgisch geschlossenen Spannungsbogen von vielschichtiger kompositorischer und emotionaler Tiefgründigkeit. Vielleicht waren diese Variationen das Modell zu Bachs Goldberg-Variationen, ebenso ein Kompendium der Stilmittel und gleichfalls in 31 Sätzen?

Dem immensen Anspruch der spieltechnischen Anforderungen dieses Gipfelwerkes der Spätrenaissance genügt der Dresdener Organist Jan Katzschke mit dem ihm eigenen Feuereifer wie überlegener Gestaltung, der Hörer könnte schier atemlos werden! Drei weitere Kompositionen Haßlers, die dessen italienische Einflüsse und seine Vielseitigkeit widerspiegeln, geben einen Einblick in seine Formenkunst. Auf einem Regal (Kopie eines Nürnberger Instrumentes von 1600) erklingen eine Canzon und ein chromatisches Ricercar, auf einer Zuberbier-Orgel von 1754 (rest. 2011) das Magnificat 4. Toni in der Alternatimpraxis  der Vesper um 1600, hierbei ergänzt Katzschke die ungeraden Verse als Sänger. Nur empfehlenswert? Nein, fesselnd und begeisternd!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - März 2016 / September 2016

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Te Deum laudamus

Interpret: chordae freybergensis, Ensemble Freiberger Dom-Music, Leitung: Albrecht Koch
Label: cpo

Der CD liegen Handschriften und Drucke aus der Bibliothek der Freiberger Lateinschule um 1600 zugrunde. Die Schule war seit 1515 das erste humanistische Gymnasium des Landes, in dem der Musikunterricht zur Durchführung der Musik im Dom seinen täglichen Platz hatte. Um Pilipp de Montes Missa super mon coeur se recomande und das Te Deum von Rogier Michael gruppiert Hauskantor Albrecht Koch weitere liturgische Motetten von Albinus Fabricius, Leonhard Lechner und Alfonso Ferrabosco d.Ä.

Der damaligen Praxis entsprechend liegen manche Stück wie die Messe auch im Druck vor, für die gottesdienstliche Praxis der Zeit und wohl auch aus Ersparnisgründen wurden die Kompositionen aber eher abgeschrieben. So liegt die Missa von Pilipp de Monte, über den der Booklettext von Christa Maria Richter leider nichts Weiteres vermeldet (1521 - 1603, nach Stationen in Neapel und Cambrai Hofkapellmeister am Habsburger Hof seit Sommer 1568), in Freiberg in  handgeschriebenen großen Chorbüchern vor, das Booklet erwähnt diese fälschlich im Singular. Entsprechend dem bekannten Kupferstich der Dresdener Schlosskapelle von David Conrad (1604–1681), das Heinrich Schütz mit seinen Sängern zeigt, hatten die Pulte im Altarraum mehrere Auflageflächen, auf denen die Chorbücher lagen. In  ihnen waren entweder die Oberstimmen oder die Unterstimmen jeweils links und rechts nebeneinander notiert.

Bemerkenswert ist ferner Rogier Michaels Te Deum, in dem er Luthers deutschen und den lateinischen Ursprungstext versweise nacheinander vertont hat, so vereinbarte er Tradition und Ansprüche der Gegenwart in kluger Weise miteinander. Im Gegensatz zu der liturgischen Stellung des Te Deums im evangelischen Gottesdienst der Zeit (entweder vor oder nach dem Frühgottesdienst), setzt Koch es zwischen Gloria und Credo quasi als Predigt, ein schöner Einfall! Durch die Verwendung von Zink und Posaunen, wie sie in der 1585 bis 1594 errichteten Grabkapelle des Freiberger Doms – hier halten 21 Engel in 12 m Höhe originale Renaissance-Instrumente, gebaut um 1592/94 in Randeck bei Mulda (Region Freiberg) in Händen – zu sehen sind, ist auch der Bassbereich der Musica coelestis klangvoll vertreten. Das Vokalensemble Freiberger Dommusik singt ausgesprochen schön, leider auch mit sächsischer Vernachlässigung der harten Konsonanten.

Die CD ist eine Bereicherung für alle, die reformatorische Gottesdienstmusik studieren möchten. Als lateinische Musik war sie konfessionsübergreifend, von katholischen und evangelischen Komponisten in katholischen wie evangelischen Gottesdiensten üblich. Ebenmäßige Polyphonie in der Tradition der alten Niederländer dominierte, lieferte aber durch die Kunst der Instrumentierung mit dem damaligen Instrumentarium absolute Hochformen, die damals wie heute den Hörer ergreift.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Februar 2016 / August 2016

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Im Himmel und auf Erden

Interpret: chordae freybergensis, Leitung: Susanne Scholz
Label: Querstand

Als Herzog Heinrich der Fromme aus der albertinischen Linie des Hauses Wettin, der 1537 die Reformation in Freiberg eingeführt hatte, 1539 Landesfürst, also Markgraf von Meißen und Herzog von Sachsen, wurde, bekam auch die bisherige Nebenresidenz Schloss Freudenstein in Freiberg, in der er residiert hatte, Bedeutung für ganz Sachsen. Für ihn wurde 1541 die Grablege im 1501 geweihten Dom der Stadt eingerichtet, seine Söhne Moritz, seit 1547 Kurfürst und 1548 Gründer der sächsischen Hofkapelle, und August folgten ihm 1553, bzw. 1586 dorthin, bis 1717 blieb sie die Grablege des protestantischen sächsischen Fürstenhauses. Unter August I. wurde 1585 die Umgestaltung des Chores in Angriff genommen und dieser bis 1594 von dem aus Lugano stammenden Giovanni Maria Nosseni prachtvoll ausgestaltet. 34 Engel in 12 m Höhe spielen himmlische Musik, 21 halten originale Renaissance-Instrumente, gebaut um 1592/94 in Randeck bei Mulda (Region Freiberg), in Händen. 2002 wurden die Instrumente restauriert und Kopien angefertigt, aus denen nun seit 2005 Susanne Scholz und ihr Streicherensemble chordae freybergensis typische Klänge des 16. Jahrhunderts zaubern können.

Der Dresdener Hofkapellmeister Antonio Scandello (1517 – 1580), Nachfolger von Johann Walter (1548–1554) und Mattheus Le Maistre (1555–1568) - bekannt durch seine Messe zum Tod des Kurfürsten Moritz (1553), seine deutsche Johannespassion (c 1561) und die Auferstehungshistorie Österliche Freude der siegreichen und triumpfierenden Auferstehung (c1562) - ließ 1568 Newe Teutsche Liedlein in Nürnberg drucken und vier Jahre später das El primo libro de le Canzoni Napolitane a IIII Voci. Aus der ersten Sammlung  sind 8 Lieder mit Clarissa Thiem, Sopran, zu hören, aufgenommen im Dom, aus der zweiten 9 weltliche Canzonen mit Giovanni Cantarini, Tenor, aufgenommen in der kleineren Akustik der Kirche von Kleinwaltersdorf, um dem verschiedenen Gebrauch dieser Literatur auch im akustischen Bereich gerecht zu werden. Da in der Grabkapelle keine großen Bassinstrumente überliefert sind, erklingt das Ensemble (sowieso im Chorton gebaut) praxisgerecht z.T. in Quart- oder Quinttransposition nach oben, eben eine „musica coelestis“, wie sie ja auch die F-Orgeln der Zeit erklingen ließen. Leider pflegt Clarissa Thiem keine verständliche Aussprache und die Übersetzungen der italienischen Texte der Canzonen fehlen im ansonsten gut informierenden Booklet.

Die Streicher chordae freybergensis spielen untadelig, ja aufregend, gerne würde man ihnen noch länger zuhören.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Februar 2016 / August 2016

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Schütz - Praetorius ----- Reformationsmesse

Interpret: Musica Fiata, La Capella Ducale, Leitung: Roland Wilson
Label: deutsche harmonia mundi

Die erste Saecularfeier der Reformation wurde in Dresden unter Kurfürst Johann Georg von Sachsen festlich begangen. Drei Tage lang wurde je eine Messe und eine Vesper in der Schlosskapelle gefeiert, deren Musik Oberhofprediger Hoe von Hoenegg im Vorwort zum Druck seiner drei Predigten 1618 nannte: Psalmvertonungen aus den Psalmen Davids von Heinrich Schütz, Verleih uns Frieden aus der Geistlichen Chormusik, dazu zwei Choralbearbeitungen von Schütz, die fragmentarisch überliefert sind: Ein feste Burg und Jesaia dem Propheten das geschah.

Roland Wilson hat sich und den Hörern das Vergnügen beschert, die Fragmente zu vier-, bzw. fünfchörigen Fassungen zu ergänzen und dabei für die mittleren Strophen die Sätze aus dem Becker-Psalter zu verwenden. Dazu kommen die Missa gantz Teudsch aus Polyhymnia Caduceatrix und Das Silber, durchs Feuer sieben mal/ aus dem deutschen Gesang Ach Gott vom Himmel sieh darein von Michael Praetorius. Mit seinen beiden Ensembles entfacht Wilson ein herrliches starkes Gethön, wie es natürlich nicht nur zur Andacht diente, sondern ebenso auch die Pracht des Kurfürsten zur Schau stellte.

So erfreulich es ist, dass diese Musik mit Selbstverständlichkeit die hergebrachte Gottesdienstordnung nutzt und in Erinnerung ruft, mit welcher Lust und Liebe Gottesdienst zu feiern geht, so dringlich ist auch die Mahnung an unsere Zeit, die vor Jahrhunderten schon einmal gekonnten Künste auch zur anstehenden Saekularfeier erneut zu nutzen!

Wer noch keine Lust auf den 30.10.2017 hat, der wird sie mit Sicherheit beim Anhören dieser CD bekommen und sie dann gleich an Reformationsmuffel weiter verschenken!


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Februar 2016 / August 2016

Diese CD ist im gut sortierten Musikhandel - unter anderem in unserem Notenkeller in Celle (Telefon 05141-3081600 / Mail: info@notenkeller.de) - erhältlich.



Musicalische Seelenlust

Interpret: Ensemble Polyharmonique, Alexander Schneider
Label: edition raumklang


Tobias Michael (1592–1657), Sohn des Franko-Flamen Rogier Michael – dieser war Schüler von Andrea Gabrieli gewesen, dann Tenorist in der Ansbacher Hofkapelle von Georg Friedrich I., Musiker in der Dresdner Hofkapelle und später deren Hofkapellmeister, Komponist der ersten Weihnachtshistorie (seine Nachfolger waren Michael Praetorius und Heinrich Schütz) - brachte also alle Voraussetzungen mit, um das zu werden, was er geworden ist: Chorknabe in Dresden, Schüler in Pforta und Theologie- und Philosophiestudent in Leipzig und Wittenberg, dann Kapellmeister der Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen an der Trinitatiskirche in Sondershausen und Stadtschreiber, schließlich 1630 mitten im Dreißigjährigen Krieg Nachfolger von Johann Hermann Schein, der auch schon Schüler seines Vaters gewesen war, im Leipziger Thomaskantorenamt. Heinrich Schütz adelte seine Tätigkeit in der Widmung seiner "Geistlichen Chormusik“ 1648 mit den Worten, dass der Musicalische Chor zu Leipzig, in diesen Hochlöblichsten Churfürstenthum allezeit für andern einen großen Vorzug gehabt, und iedes mahl fast wohl bestallt gewesen ist.

An den Zeitläuften und einer chronischen Gichterkrankung wird es wohl gelegen haben, dass dieser verantwortungsbewusste leistungsstarke Kantor nur wenige Kompositionen hinterlassen hat: in zwei Bänden erschien seine Sammlung "Musicalische Seelenlust“. Der erste Band von 1634 enthält 30 geistliche Konzerte für fünf Stimmen und Basso continuo, der zweite von 1637 50 geistliche Konzerte in wechselnder Besetzung. Außerdem sind sechs- bis achtstimmige konzertierende Motetten zu Kasualien überliefert - und seine eigene Begräbnismusik.
Nur mit Mühe entsinnt sich die Gegenwart dieses profunden Komponisten wie auch seiner Nachfolger Sebastian Knüpfer, Johann Schelle und Johann Kuhnau. Umso verdienstvoller ist die vorliegende Aufnahme mit einer kleinen Auswahl dieser so direkt ansprechenden kunstvollen Motetten, nur vergleichbar mit Motetten von Schein und Schütz, ein Schatz an polyphoner Kunst in lebendigster Faktur. Ob „Trübsal“, „Schreien“, „Tröste“ oder schließlich „Ich liege und schlafe“, alles ist greifbar hörbar unmittelbar deutbar.

Das Ensemble Polyharmonique unter Alexander Schneider (fünf Sänger und Continuo mit Gambe, Theorbe und Orgel) zeichnet Michaels Kompositionen hoch kompetent nach. Homogen im Klang mit guter Textdeklamation gelingt eine Auslegung, die den Kompositionen entspricht und den Hörer zu bewegen versteht, Ausdruck  eines tiefen Glaubens in einer bewegten Zeit, eben Glaubens=Seuffzerlein, Andacht und Freude auf sonderbare madrigalische Art.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Januar 2016 / Juli 2016

Die Buchholz-Orgel in St. Nikolai Stralsund

Interpretin: Yuka Ishimaru
Label: organum classics

Yuka Ishimaru aus der Klasse Ludger Lohmanns in Stuttgart spannt ihren Programmbogen von Liszt‘ getreuer Bach-Übertragung des BWV 21 (1860) über Regers Orgel-Adaption von BWV 867 (1903), über Klassiker wie Mendelssohns 4. Sonate (1845), zwei Choralvorspielen aus op. 122 von Brahms (1897) und der 8. Sonate von Rheinberger (1882) hin zu Liszt‘ „Weinen, Klagen“ (1863). Yuka Ishimaru spielt die Werke ausgesprochen solide und unaufgeregt, was der Musik sehr zu statten kommt.

Die Buchholz-Orgel kommt ihr dabei entgegen, ihre romantischen Klangfarben stehen auch noch in älterer Tradition und bieten somit auch ein geeignetes Klangspektrum für Liszt‘ Bach-Übertragung und der Mendelssohn-Sonate.
Auch die Klanggewänder der Kompositionen von Brahms und Rheinberger nehmen gefangen, vollends natürlich Liszt‘ düster-drohend daher kommende Variationen zu Bachs Kantaten BWV 12 und 21.

Michael Kaufmann liefert im Booklet kompetent Texte zur Zeit der Kompositionen und zu den Kompositionen selbst. Fröhliche Urständ feiert der Starrummel mit dem zweifachen ganzseitigen Portrait der Solistin auf dem Titel und U4. Solider wäre da die Wiedergabe der Registrierungen gewesen.
Was der CD keinen Abbruch tut, auf der erstklassige Musik auf einer erstklassigen Orgel erstklassig eingespielt ist.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Oktober 2015 / Juni 2016


Felix Mendelssohn & Fanny Hensel
Lieder ohne Worte


Interpret: Matthias Kirschnereit
Label: Berlin Classics

Ein Universum für sich bilden sie, diese Lieder ohne Worte, in denen Endlichkeit und Unendlichkeit miteinander verschmelzen. Mendelssohn pflegte sie seit 1828 immer wieder, drückte darin zu bestimmte Gedanken für das aus, was mir eine Musik ausspricht, die ich liebe, … die einem die Seele erfüllt mit tausend bessern Dingen als mit Worten.
In der Tat, diese Kleinodien von hochgeistiger Konzentration wie einer elegant beiläufigen Tiefgängigkeit bezaubern auch noch heute in ganz ungewohntem Ausmaß, die zahlreichen Einspielungen, die auf dem Markt sind, sind dafür ein klingender Beweis.

Matthias Kirschnereit, Professor in Rostock, hat nun seine Version veröffentlicht und fügt dem achtbändigen Kanon von je sechs Liedern noch einen neunten Band hinzu, der weitere sechs Lieder aus dem Nachlass bringt, darunter auch das allererste Exemplar dieser Mendelssohn ureigenster Liedgattung, jenen Erstling, mit dem er seiner Schwester zum 23. Geburtstag am 14.11.1828 gratulierte. Was ist das Faszinosum, das diese Lieder beinhalten, dieser so selbstverständliche zentriert gefasste Duktus von vollendeter Liebesfülle, den so viele nicht aushielten und diffamierten?

Nicht genug damit, Kirschnereit vereint das Geschwisterpaar hier aufs Neue durch die Ersteinspielung der Klavierlieder Fannys, 13 Pretiosen anderer, eigener Faktur, die aber denselben Geist atmen, hörbare geschwisterliche Achtung und Liebe jeder auf seine Art. Als Schönste Musik …  auf Erden bezeichnete denn auch Felix die Musik seiner Schwester.

Kirschnereit hat die drei CDs in drei mehrtägigen Sitzungen 2013 und 2014 eingespielt, hat seine Achtung und Liebe diesen Kleinodien beigegeben in durchaus zeitgemäß nüchterner Klaviertechnik, die Mendelssohn und Hensel pur sprechen lässt ohne jede Überinterpretation und Hineingeheimnisserei. Seine Virtuosität überdeckt nie die Empfindsamkeit der vielfarbigen kleinen Klanggemälde. Da wird keine der 190 Minuten lang, Mendelssohns Bann wirkt ohne Unterbrechung! Wer könnte sich von seiner überströmenden Spiel-, Mal-, Sing- und Sageart nicht bannen lassen?

PS: Der Rezensent hat  Mendelssohns Lieder ohne Worte komplett für die Orgel übertragen (Verlag Dohr).


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - November 2015 / Juni 2016


Wiederaufnahme?

Autor: Matthias Pasdzierny
Verlag: edition text+kritik

Rückkehr aus dem Exil und das westdeutsche Musikleben nach 1945, so lautet der Untertitel dieses fast 1000 Seiten umfassenden Bandes, der in der Schriftenreihe Kontinuitäten und Brüche im Musikleben der Nachkriegszeit der UdK Berlin erschienen ist. Matthias Pasdzierny hat in mühevoller Kleinarbeit Daten und Fakten zusammengetragen, die die Musikszene in ihren einzelnen Prozessen wie in Hamburg (Hans Henny Jahn), Stuttgart, München, Darmstadt etc. beleuchten. Insbesondere hat er sich den Vorgängen in Bayreuth, Köln (Amadeus-Quartett, Alphons Silbermann), Saarbrücken (Stekel und Müller-Blattau)  und Frankfurt (Hindemith, Adorno) zugewendet, flächendeckende Recherchen für die ganze BRD und sogar noch für die DDR bleiben eine Zukunftsaufgabe.

Wie vielschichtig der meist weniger gelungene Wiedereingliederungsprozess - die Rückkehrerquote insgesamt war nicht sehr hoch - abgelaufen ist, abhängig von den persönlichen Charakteren, dem inneren oder äußeren Exilverlauf, die nicht unkomplizierte Kommunikation untereinander und mit den Trägern der Musikeinrichtungen, der Rundfunkanstalten usw., schildert der Autor mit neutraler Sympathie. Wie die gleichzeitigen Umbrüche in der Stilistik und des gesellschaftlichen Umfelds verliefen, gibt er an Hand einiger Teilnehmer der Darmstädter Kurs beispielhaft wieder. Eingebettet in die Vitae anderer Musiker geht es auch um die so unterschiedlichen Schicksale eines David, Raphael u.a., über die in kirchenmusikalischen Fachzeitschriften nun schon öfter referiert wurde.

Thematisch berührt wird, wie die Dagebliebenen, mehr oder weniger in das zwölfjährige Reich integriert, mit den neu/alten Zuzüglern aus dem Exil zusammenkommen konnten. Da geht es um Selbstfindung in einem sich neu definierendem Deutschland, um die Brüche oder reinen Gastrollen wie bei vielen Dirigenten, die ihren Wohnsitz dann doch lieber in der Schweiz o.a. suchten, um Tradition und Aufbruch. Einen umfangreichen Teil des Bandes nehmen dazu die Kurzbiographien ein, ein ganz reicher und wertvoller Abschnitt zum leichten Nachschlagen.

Die vorliegende Arbeit ist nicht nur ein umfangreicher Beitrag zur Remigrationsforschung, sondern beleuchtet auch die persönlichen Nöte, die neuerliche Existenzgründungen in einem Land bereiteten, dass Rückkehrer durchaus auch als Vaterlandsverräter bezeichnete. Willkommen waren sie als Feigenblätter, aber als Menschen, Nachbarn? Nachdenkenswert ist der Band auch gerade in unseren Tagen, in denen wir wieder mit der Thematik der Integration von Flüchtlingen gefesselt werden.


Rainer Goede
für www.notenkeller.de - November 2015 / April 2016


Bibliotheken bauen - Die Barther Bibliothek im Kontext

Herausgeber: Jochen Bepler / Ulrike Volkhardt
Verlag: Schnell + Steiner

Als Separatum aus dem Jahrbuch kirchliches Buch- und Bibliothekswesen (NF 2, 2014) erschien nun ein übersichtlicher Band, der sich mit der in Barth seit dem 14. Jh. überkommenen Kirchenbibliothek und seiner Sanierung beschäftigt. Erst vor knapp sechs Jahren, angeregt durch die emsige Essener Blockflöten-Professorin Ulrike Volkhardt, entstand der Förderverein der Kirchenbibliothek in Barth, dessen Vorsitzende sie auch ist. Im Zusammenhang mit der Entdeckung und Einspielung mittelalterlicher Musik aus den Heideklöstern (6 CDs bei cantate und dazugehörige Notenausgabe bei Olms) wurde sie auch auf die Kirchenbibliotheken in Vorpommern, in denen nach wie vor ungehobene Schätze warten, aufmerksam gemacht.

Im vorliegenden Band beschreiben Falk Eisemann im Absatz Die Wiederauferstehung der vorpommerschen Kirchenbibliotheken (Barth, Greifswald, Wolgast)den geschichtlichen Hintergrund, Jan Simonsen in Gedanken zum Kirchenbau und zur Kirchenbauerhaltung in der Nordkirche den kirchenaufsichtlichen Hintergrund, Gerd Albrecht in Die Kirchenbibliothek im Barther Kulturverbund die ortsgeschichtlichen Zusammenhänge, Christine Johannsen in Sanierung und Umgestaltung die baulichen Maßnahmen und schließlich Ulrike Volkhardt in Suche nach musikalischen Quellen den Bestand an Musikalien, Christian Heitzmann in Die mittelalterlichen Handschriften den Bestand an Manuscripten und Inkunabeln, Jochen Bepler in Aus Schaden klug die Konservierung der Bücher und ihre Neuordnung.

Ist mit der baulichen Sanierung in der Barther Marienkirche bereits ein grundlegender Schritt getan, die Arbeit des Sichtens und der Katalogisierung, des Konservierens und der Aufarbeitung für weitere Veröffentlichungen steht erst noch an. Der Band lässt den Leser teilhaben an der Entdeckung der bis 2010 sich im Dornröschenschlaf befindlichen Bibliothek, deren Geheimnisse nun aufgedeckt werden können dank der Entdeckung und des Einsatzes von Ulrike Volkhardt, kurz bevor die Bestände abgegeben werden sollten. Derartige Gefahren durch fehlende Wertung und unsachgemäßen Umgang drohen leider allen Beständen in nicht oder nur von wenigen Eingeweihten genutzten Bibliotheken in Kirchen und Kantoreien in Ost und auch West! So kann also unmittelbare Zeitgeschichte unheimlich spannend werden, und so sollte das Barther Beispiel beispielhaft werden!  

Rainer Goede
für www.notenkeller.de - November 2015 / April 2016


Thomas Müntzer - Revolutionär am Ende der Zeit

Autor: Hans-Jürgen Goertz
ISBN: 978-3-406-68163-9
Verlag C.H.Beck, München  2015

Von Stolberg am Harz führte ihn sein Weg über Braunschweig, Wittenberg, Orlamünde, Jüterborg, Zwickau, Prag, Erfurt, Nordhausen, Glaucha, schließlich Allstedt, Mühlhausen und Frankenhausen, wo sechstausend Bauern von den Truppen Philipps von Hessen mit Unterstützung Braunschweiger und sächsischer Truppen hingeschlachtet wurden, die Fürstenheere verloren dabei sechs Mann! Keine zwei Wochen später wurde Müntzer am 27. Mai 1525 vor den Toren Mühlhausens mit dem Schwert hingerichtet, wie damals üblich wurde sein Leichnam nicht bestattet, sondern aufgespießt und zur Schau gestellt, bis die Aasfresser alles getilgt hatten.

Jeder kennt heute Thomas Müntzer, um ihn zu verkennen, die Nachwelt hat ja genug Schlagwörter und verzerrte Bilder geliefert. Hans-Jürgen Goertz macht sich in diesem Buch an eine nüchterne Bestandsaufnahme von Fakten und misst an ihnen die Aussagen von Forschern und Kommentatoren, Theologen und kommunistischen Sagenschreibern. Goertz kommt so zu einer Beurteilung, die dem Theologen, der aus der Mysrtik eines JohannesTauler schöpfte, den Geist der Apokalypse atmete, Seelsorger und Reformator wurde, eher gerecht zu werden vermag. Zwar ist Müntzers Werdegang zum Revolutionär durchaus konsequent, begründet sich in einer tiefen Gläubigkeit und Bibelverständnis. „Es ist nicht der Klerus, der die Gläubigen führt, sondern der Heilige Geist“, da braucht es denn keine geistliche und weltliche Obrigkeit mehr und auch keinen theologischen Intellektualismus. „Der revolutionäre Umsturz war religiös geboten.“ Müntzer nannte das eine „fügliche Empörung“. Luther benennt da seine Zweireichelehre, unterstellt die Reformation dem Schutz der weltlichen Obrigkeit. Was müssen das für innere Kämpfe und Dispute gewesen sein, bis diese Positionen damals formulierbar waren!

Luther behielt Recht, nur mit der weltlichen Obrigkeit ließ sich die Wittenberger Reformation durchsetzen. Müntzer behielt Recht, als sich mit der Französischen Revolution Werte wie Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit durchsetzten. Ist die Wertschätzung Müntzers heute  passgenau?

Rainer Goede
für www.notenkeller.de - Oktober 2015 / März 2016


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